Der #nofilter-Mythos

Immer wieder sieht man bei Fotos auf Twitter oder Instagram den Hashtag #nofilter. Im Zeitalter raffinierter und automatisierter Nachbearbeitungen soll dieses Attribut Unverfälschtheit suggerieren, Echtheit sowie eine Abkehr vom weit verbreiteten Trend, aus belanglosen Fotos mittels diverser Manipulationen “atemberaubende” Hingucker zu produzieren.

Aber was ist dran am #nofilter-Mythos?

Zuallererst… wer heutzutage mit Smartphone oder Kompaktkamera Fotos im JPG-Format macht, bekommt von vornherein manipulierte Fotos geliefert. Weißabgleich, Nachschärfung und Tonwertkorrekturen finden automatisch noch vor dem Abspeichern statt. Wer die Daten so will, wie sie direkt aus dem Sensor kommen, ist auf das RAW-Format angewiesen, das die meisten DSLR- und viele Kompaktkameras anbieten. Auf einem Smartphone sucht man danach in der Regel jedoch vergebens. So gesehen sind selbst #nofilter-Fotos alles andere als ungefiltert.

Aber selbst, wenn man von den gelieferten JPGs als “neutraler” Basis ausgeht, ist #nofilter noch lange kein Qualitätsskriterium. Selbst, wenn jeder Fotografierende versuchen sollte, schon bei der Aufnahme auf perfekten Ausschnitt, Belichtung, Farbgestaltung, Bildaufbau zu achten, stößt man doch schnell an technische Grenzen des Equipments. Anders gesagt, ein Smartphone oder eine Kompaktkamera sind nunmal keine Großformatkamera mit hochempfindlichem Sensor oder Film.

Schließlich stellt sich auch die Frage, welche (Meta-)Information mit einem Foto transportiert werden soll. Geht es darum, eine Situation zu dokumentieren, ein Gefühl zu wecken, eine Stimmung einzufangen? Oder geht es um technische Perfektion, Minimalismus und “Seht her, wie toll ich bin”?

Wer mit #nofilter zeigen will, welche guter “Fotograf” er oder sie ist, fällt schnell auf die JPG-Falle (s.o.) herein. Wer einem Bio-ähnlichen Trend hinterherrennt, beraubt sich der Möglichkeit, Darstellung und Aussage zu intensivieren und bleibt auf halber Strecke stehen. Leider sieht man vielen #nofilter-Fotos auch genau das an. Sie sind nicht mehr als verhipsterte Andeutungen ungenutzter Möglichkeiten.

Als Protest gegen möchtegerntolle Fotos, die nix anderes sind als filtertechnisch polierter Schrott, geht der Hashtag noch durch, solange das Foto selbst tatsächlich überzeugt. Damit hat sich’s dann aber auch schon. Ein Qualitätskriterium ist #nofilter aus meiner Sicht nicht, vielmehr ist es die Kombination aus Idee, perfekter Vorbereitung, Ausführung und Nachbearbeitung, die ein gutes Foto ausmachen. #nofilter kann hier allemal nur einen sehr kleinen Teil von “Qualitäts-Management” abdecken.

In der Praxis dagagen wird der Hashtag leider zu oft für Hipster- und Biozwecke missbraucht.

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Energie. Bewusst. Sein.

Redet man über Energiebewusstsein, denken viele Menschen zuerst an Sonne, Öl, Kraftwerke, Strom und die vielen kleinen und großen Helferlein in unserem Leben, die all die mühsam erzeugte Energie wieder “verbrauchen” (In Wirklichkeit wird sie ja nur umgewandelt, aber das ist ein anderes Thema).

Ein ganz anderes Bewusstsein von Energie kommt uns Menschen eher selten in den Sinn. So geht der Umgang mit unseren eigenen Ressourcen, unserem Denken, Handeln, Freuen, Ärgern, Fühlen, Rennen, Zögern, Weinen und Lachen, meist ohne großes Bewusst-Sein vonstatten, “es passiert” und wir lassen uns treiben in einem Strom aus Leidenschaft und Lethargie, Licht und Schatten, Überfluss und Verharren.

Ohne Zögern stürzen sich Menschen in zehrende Konflikte, suchen und finden Feindbilder und Feind, ölen Schubladen und Waffen für Gefechte, die sie weder verstehen können noch wollen. Der tägliche Kampf findet im Bauch statt, nicht im Kopf. Potenzielle Auslöser gibt überall, auf den Straßen, in Familien, im Fernsehen, auf der Arbeit. Vor allem aber in unserem Nicht-Verstehen. Was wir nicht sofort begreifen, erscheint uns unheimlich, was unheimlich ist, ist ein potenzieller Feind sein und gegen Feinde müssen wir uns wehren. Vorsicht ist schneller als Nachdenken und bevor wir den Sinn unseres Tuns reflektiert haben, sind Körper und Geist schon in Habachtstellung.

Ich sitze im ICE nach Süden, vor dem Fenster fliegt der morgendliche Spessart vorbei. Frühnebel liegt auf den Feldern und ich lausche der wundervollen Musik von Yann Tiersen aus “Goodbye Lenin” und “Amelie”, die mir erzählt, wie viel Schönheit da draußen wartet, Schönheit, die es wert ist, hinzuschauen und sich ihr hinzugeben, anstatt sich in endlosen kleinen Kriegen zu verlieren. Mit feuchten Augen schaue ich auf den Main, den wir zum wiederholten Mal kreuzen und denke an ein tolles Telefonat gestern abend. 90 Minuten, in denen sich zwei Menschen nichts gaben als Worte, ein Spiel mit Sprache, ein Öffnen von Toren, Gedanken, Welten, nach denen man eine ganze Nacht braucht, das Erlebte und Erdachte noch einmal zu durchträumen und morgens mit dem Gefühl aufzuwachen, dass die Welt ein klein wenig anders, ein klein wenig besser geworden ist.

Wenn wir durch unsere Unruhe und Aufregung das Wasser dauernd in Bewegung halten, werden wir nie einen klaren Blick auf den Grund, die Tiefen des Meeres und – klingt das nicht verführerisch? – des Seins bekommen. Wir werden die ganze Zeit mit Wellen und Strudeln kämpfen, die wir selber erzeugen und sich mit denen unserer Nachbarn auftürmen zu kleinen Tsunamis, in denen wir uns verlieren und die Orientierung, die uns aus diesem Unwetter wieder herausführen könnte.

Werden wir uns unserer Energie bewusst, die uns in schier unendlichem Maße durchdringt, leitet und zur Verfügung steht, und verwenden sie für etwas Gutes. Bauen Welten, erfinden das Sein neu, erschaffen neue Sprachen, Bilder, Träume. Und lassen wir es auch unseren Nachbarn tun, unsere Kinder, unsere Freunde, Feinde und letzten Endes alle anderen um uns herum. Lassen. Lassen! Möglichkeiten schaffen! Bewegen! Jeder für sich und alle miteinander.

Wir haben uns und anderen so viel zu geben, wann fangen wir endlich damit an?

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Weg mit den bösen Meinungen. Los Zensur, fass!

Ein Twitter-Account namens @titusluca macht immer mal wieder die Runde im Netz und zieht allerlei Kritik und Häme auf sich. Grund sind diverse konservative Ansichten und altbackene Äußerungen zum Thema Homosexualität, Ehe, Familie und anderem. Ein Konservativer, wie er im Klischeebuch steht (Biographie: “CDU, JU, Köln und bald Politiker! Neukonservativ, rechts! Themenschwerpunkte: Extremismus, Sicherheit, Familie. Ich twittere nur meine eigene Meinung.”).

Ich möchte hier nicht über @titusluca reden und auch nicht über die Frage, ob er echt ist oder nicht (viele halten ihn für einen Fakeaccount, der nur dazu angelegt wurde, zu provozieren). Viel interessanter als seine schon vielfach woanders gehörten Äußerungen, die zwar inhaltlich kontrovers und konservativ, aber in der Form meist ruhig und sachlich sind, finde ich die Reaktionen darauf, von Argumenten über Lästern bis hin zum persönlichen Angriff. Ein wirklicher Austausch von Argumenten oder gar erfolgreiche Überzeugungsarbeit findet kaum statt und ist auch nicht wirklich zu erwarten. Egal, von welcher Seite.

Erschreckt haben mich nun allerdings Aufrufe, @titusluca als Spam zu melden, ein Mittel, um auf Twitter störende Werbetweets, Hetzaufrufe und Ähnliches zu unterbinden. Mancher mag es ja persönlich für Hetze halten, wenn jemand gegen die Homo-Ehe ist und dies mit konservativen Ansichten begründet. Ein Grund für eine Zensur stellt dies aus meiner Sicht aber noch lange nicht dar.

Ich wundere mich, wie Leute, die soziale Medien zur Verbreitung ihrer eigenen Meinung nutzen und das Recht auf Meinungsfreiheit in Anspruch nehmen, gleichzeitig bei anderen (abweichenden) Meinungen diese Freiheit wieder einschränken wollen. Als ob man sich dem nicht inhaltlich stellen oder die Meinung einfach als solche stehenlassen könnte.

Die Welt war und ist voll von Beispielen, in denen angebliche “Meinungsfreiheit” in Wirklichkeit von der geäußerten Meinung abhängt und Abweichendes oder gegen das System gerichtetes nicht zugelassen und von Regierung und/oder Militär mundtot gemacht wird. Man sollte also meinen, dass mitteilungswillige Menschen es zu schätzen wissen, wenn sie nicht nur ihre Meinung sagen dürfen, sondern ihnen inzwischen sogar noch die technischen Mittel für eine überregionale Verbreitung zur Verfügung stehen. Aber was tun sie? Sie setzen genau die Restriktionen und Separationen fort, die sie selber kritisieren oder vielleicht sogar selbst erleidet haben.

Natürlich ist Meinungsfreiheit kein Schwarz-/Weiß-Raum, es gibt eine riesige Bandbreite an Meinungen von “normal” bis “maximal extrem”, wobei ich mit Letzterem Erscheingungen wie Volksverhetzung oder Aufrufe zu Straftaten meine. Es stellt sich also die Frage, wie weit Meinungsfreiheit gehen darf und muss, um eine demokratische und freie Gesellschaft abzubilden. Und bestimmt gibt es auch im “Netz” genug Extreme, die strafrechtlich relevant sind und verfolgt gehören.

Die Äußerungen von @titusluca und anderen, so wenig ich auch ihrer Meinung bin, gehören aus meiner Sicht nicht dazu. Sie sind schlicht und ergreifend konservativ und wer hier schon nach Zensur ruft, vergeht sich mehr am wertvollen Gut der Meinungsfreiheit als einer, der unpopuläre Äußerungen tätigt, die aber keinem schaden.

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Von der Selbstzerfleischung

“Nazi”.

Kaum ein anderes Wort polarisiert so sehr wie dieses. Es löst eine unmittelbare Reihe von Assoziationen aus (Faschismus, Holocaust, Genozid, Gewalttätigkeit, Rassismus, Repression, Verfolgung…) und ist sehr oft gefolgt von einem “Bist du nicht für uns, so bist du gegen uns”. Sprich: Bist Du nicht sowieso schon dem braunen, rechten Gedankengut verfallen und damit unerreichbar für Fakten, Argumente und Ethik geworden, tust du gut daran, dich mit allen Kräften und Gelegenheiten von ebenjenem zu distanzieren. Sonst wird man dich sofort mit in die Schublade der Mitläufer, Befürworter, Sympathisanten, Rechtsextremen stecken, welche als gesichtslose Feindbilder inzwischen mannigfaltigste Funktionen auf unserer politischen und gesellschaftlichen Bühne angenommen haben. Das funktioniert nicht nur mit rechtem Dreck, sondern auch mit anderem bösen Gedankengut wie Diskriminierung, Sexismus oder Rassismus. Die Übergänge sind fließend.

Besonders hervor tun sich vor allem jene Gruppierungen, welche besonders gerne diskutieren, revolutionieren, (schein-)tolerieren und der Gesellschaft einen neuen Kick verpassen wollen. Orange, Grün und Lila sind sich einig: Böses Gedankengut gehört verbannt, vor allem und zu allererst aus den eigenen Reihen. So etwas dulden wir nicht.

Schnell gipfelt dieser an sich hehre Ansatz in politisch korrekter Selbstzerfleischung, bei der eine Seite die sofortige (politische) Eliminierung der Abtrünnigen verlangt, während an anderer Stelle weiterhin Worte wie “Redefreiheit”, “Demokratie” und “Vielfalt” hochgehalten werden. Aber nicht nur das Gedankenböse selbst wird verurteilt, sondern auch jene, die es wagen, darin eine Überreaktion oder gar etwas Verwerfliches zu sehen. Immerhin ist das nichts Neues, sondern ein alter Hut: Wer den Umgang mit dem oder den mutmaßlich Bösen kritisiert, ist nicht besser als das Böse selbst. Das funktionierte ja schon bei McCarthy und den 68ern perfekt.

Es wäre ja fast unterhaltsam, wenn es a) nicht immer nach dem gleichen Schema ablaufen würde, b) größtenteils einfach nur Energieverschwendung wäre und c) ich nicht den Eindruck hätte, dass hier oftmals nur einer inhaltlich identischen Attacke durch den politischen Gegner zuvorgekommen werden soll.

Die Anfänge sind klein, fast unauffällig, aber beinhalten schon alle Mechanismen politisch korrekter Diffamierungen und Haarspaltereien. Man denke an die Veganer-Diskussionen mancher Volksküchen, eigentlich sinnvolle Einrichtungen, welche sich aber immer mal wieder am FleischMilchEi-Thema reiben. Oder der tausendsten Diskussion, ob eine Frauenquote nun mehr Gleichberechtigung oder schlechter qualifizierte PostInnen mit sich bringt. Oder beides.

Nutznießer der Selbstzerfleischungen auf allen Ebenen ist oft genug nicht die Sache selbst, sondern das, was eigentlich bekämpft werden soll. Mit Maulkorb, totbrüllen und einfach nur Ignorieren wird das Böse ja nicht beseitigt, es wird nur aus der täglichen Sicht, der Parteimitgliederliste oder dem Denken verbannt. Eine wahre Auseinandersetzung findet nicht mehr statt, dafür hat die Schein-Auseinandersetzung schon gesorgt.

Nehmen wir mal Serdar Somuncu, der 1482 mal vor unterschiedlichstem Publikum “Mein Kampf” las. Er wurde dafür kritisiert und angefeindet, interessanterweise von beiden Seiten, Rechten wie Anti-Rechten. Während die Glatzen ihm Verunglimpfung und türkische Abstammung vorwarfen, konterte die Linke mit ausgesprochen fundamentalen Argumenten wie “Es gibt Sachen, die darf man nicht machen” (Heide Simonis). Dass viele mit diesen Lesungen überhaupt erstmal einen unmittelbaren wie erschreckenden Einblick in die Abgründe hitlerschen Denkens bekamen (was sterilisierte Lehrpläne kaum schafften) und es ganz nebenbei eine wunderbare Gelegenheit war, Glatzen vorzuführen (anstatt ihnen wie unterstellt eine Bühne für ihre Propaganda zu liefern), wurde von der gleichgeschalteten Political Correctness Liga quer durch (fast) alle Parteien ignoriert.

Damit ich nicht falsch verstanden werde (was zwangsläufig doch passieren wird, weil viele Leser so programmiert sind): Ich unterstütze in absolut keinster Weise rechtes Gedankengut, Diskriminierung und Rassismus. Aber dass selbst kleine und kleinste “Verfehlungen” (ob echt oder von Masterparanoikern als solche definiert) dazu instrumentalisiert werden, Politik zu machen, Feinde zu destabilisieren oder eigene Reihen einer Säuberung zu unterziehen, ist beängstigend, falsch und eine Energieverschwendung sondersgleichen. Das Resultat sind Parteien und Vereinigungen, die sich bereits reflexartig einer konstanten Eigenprüfung unterziehen und sofort alles eliminieren und tottrampeln, was in irgendeiner Weise anecken könnte, bevor der Gegner es tut.

Somuncu hetzt. Gegen “Nazis, Juden, Neger, Kinder, Türken, Deutsche, Schwule”… eigentlich gegen ziemlich alles. Und trotzdem ist seine Aussage, sein politisches Fazit klar (wenn man bereit ist, hinzuhören). Wir werden keine besseren Menschen, wenn wir die dunkle Seite in uns einfach ignorieren, totschweigen oder gar veruteilen, unterdrücken, auszulöschen versuchen. Erst, wenn wir uns ihr stellen, sie akzeptieren, als Teil von uns begreifen und uns über die Wirkung auf andere klarwerden, lernen wir dazu, sie zu bewerten, damit umzugehen.

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Don’t feed the Trolls!

Viele Twitterer von Euch kennen @Der_Oberlehrer und sind „schonmal“ wegen der „Gallerie“ an das rechthaberische Etwas geraten. Und einige, man glaubt es kaum, antworten dem Grammatiklurch tatsächlich. Dabei ist auch er, wie viele(s) andere auf Twitter, nur ein Bot. Eine Maschine. Ein Automatismus, programmiert auf eine begrenzte Anzahl falsch geschriebener Wörter, nach denen „Es“ Twitter absucht und dann seine Korrekturbomben fallen lässt. Antworten ist also – wie jeder spontan einsehen wird – ziemlich sinnlos.

So wie ein Bot auf gefundene Stichworte reagiert und Mist absondert, funktionieren auch Trolle im Netz. Sie durchforsten die Twitter-Timeline oder Foren nach potenziellen Opfern und schlagen zu. Das kann ein poltitisches „Statement“ sein oder eine Diskriminierung, Lästerei oder direkte Beschimpfung. In so gut wie jedem Fall finden sich eine oder mehrere, die auf den Köder anspringen und kontern. Der Troll sitzt derweil hämisch grinsend in seinem Kämmerlein und reibt sich die Hände. Auf in die Schlacht…

Ob es nun gegen Emos geht oder Schwule, Behinderte oder Ausl…, Verzeihung, Menschen mit Migrationshintergund, ob von links gegen rechts oder umgekehrt geschossen wird, spielt überhaupt keine Rolle. Was die Trollwesen eint, ist pure Lust auf Provokation. Im „Real Life“ würden diese sich das kaum trauen (man denke an den „Gefahrensucher“ aus „Kentucky Fried Movie“), aber geschützt durch die scheinbare Distanz im Netz legen sie alle Hemmungen ab.

Damit sei von den Trolls genug geschrieben. Sie sind langweilig, kaum inspirierender als zwei Zeilen billigster BASIC-Code aus den 80ern:

10 troll
20 goto 10

Spannend wird es bei jenen, die auf irgendeine Art und Weise versuchen, an den Troll heranzukommen, ihn zu überzeugen, zu treffen, zu beleidigen, zu bremsen, zu bitten, zu verdammen und was die „zwischenmenschliche“ Kommunikationsfront noch an mehr oder weniger wirksamen Mitteln zu bieten hat. Alleine, ihr Versuch ist von Anfang an zum Scheitern verurteilt, denn alles, was den Troll aufhalten, überzeugen, ändern soll, bringt ihn nur noch mehr in Fahrt. Genau DAS hat er gesucht. „Ihr Opfer, kommet“ und sie fliegen in Scharen auf ihn, der sich fortan im Trollen suhlt und – wenn er „gut“ ist – vortrefflich jeden Satz, jeden Schlag zu parieren und seinem Gegenüber in vollkommener Arroganz und Ignoranz zurückzuschleudern weiß.

Was also tun?

Spätestens, wenn den Anti-Trollen klar wird, dass sie hier nichts ausrichten können, kommt der Ruf nach Strafe, Verbannung, Ausschluss. Dazu bietet Twitter – wie andere soziale Netze auch – die Möglichkeit, Benutzer zu melden, in vielen Fällen ein durchaus probates Mittel, die „Ordnung“ wiederherzustellen. Das beseitigt schnell die Symyptome, aber kaum die Ursache. Der Troll wird sich unter anderem Namen wieder anmelden und weitermachen. Weil er weiß, dass seine „Opfer“ nach wie vor da draußen lauern, von ihm getrollt zu werden.

Auf Anti-Troll-Seite sorgt diese letzten Endes nicht funktionierende „Lösung“ nur für unnötig hohe Produktion von Stresshormonen und schlechten Tagen. Wenn Euch also ein Troll begegnet und Ignorieren partout keine Option ist, dann werdet aktiv. Aber ich meine auch „aktiv“, also nicht einfach Trollbemerkungen aufgreifen und darauf REagieren. Damit kommt ihr aus der von ihm an Euch so geliebten Opferrolle nicht heraus. Nein, schreibt ihm sinnloses Zeug, postet die Wettervorhersage, die Lottozahlen von nächster Woche (ne, halt, die bitte per DM an mich), ein Katzenbild (ICHC FTW!) oder – als letzes Mittel – schreibt ihm, wie toll er ist, der perfekte Traummann/Frau/Hund/Troll. Er wird versuchen, auch das gegen Euch zu verwenden und zu provozieren, aber ihr werdet souverän weitermachen, selber den Level vorgeben und ihn einfach an Euch abprallen lassen (so, wie er es vorher mit Euch gemacht hat).

Vielleicht wird der Troll irgendwann die Lust verlieren, vielleicht auch nicht. Vielleicht ist es sogar er, der letzten Endes euch blockt. Das aber dürft ihr dann getrost als Sieg feiern (Widerstanden und Nerven geschont!) und Euch wieder anderen Dingen zuwenden. Es muss ja nicht unbedingt der Twitterclient sein. 😉

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Glaubt’s oder glaubt’s nicht!

Warum wird immer wieder über Glauben, über die Bibel und ihre Inhalte diskutiert? Warum werden immer wieder Christen diffamiert? Warum machen viele Christen die Bibel zum Maß aller Dinge für Alle und wollen ihnen vorschreiben, wie sie zu leben haben? Warum denkt eigentlich jeder, er habe die einzig wahre Sicht der Dinge?

Seit gestern geht es ganz gut ab in meiner Timeline, es wird teilweise heftig diskutiert und geschimpft. Einige Leute haben mich dabei mit ihrem Verhalten sehr überrascht, positiv wie negativ. Vor allem aber fiel mir (wieder einmal) auf, wie schnell und gründlich die Beteiligten aneinander vorbeireden, weil sie in ganz verschiedenen Welten und Sichten leben, sich aber kaum oder keine Mühe machen, die des anderen zu verstehen und akzeptieren.

Es gibt für mich eine klare Trennung zwischen der Glaubens- und Meinungsfreiheit an sich und den Inhalten. Ich trete dafür ein, dass jeder frei sagen darf, was er denkt, muss aber trotzdem nicht mit den Inhalten übereinstimmen.  Mit “Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden” wird gerade die unbequeme Meinung meines Nachbarn zum Maßstab für meine eigene Toleranz. Nur – und das vergessen viele – gilt dies auch andersherum und genau da liegt der Hund begraben.

Christen wie Atheisten beanspruchen nicht selten Alleingültigkeit ihrer An- und Weltsichten. Während die einen sich auf Wissenschaft und gesunden Menschenverstand berufen und über „Glaube“ milde lächeln oder gar hart lästern, halten die anderen an vor langer Zeit geschriebenen Schriften und einem Sündenkonstrukt fest, mit dem sich Menschen auf der Suche nach Orientierung vortrefflich beruhigen, aber auch kontrollieren lassen. Das alles wäre nicht dramatisch, wenn sich beide Seiten nicht immer wieder das Leben schwer machen würden. Darum mal ein paar direkt Worte an beide Seiten (anschließend Steinigung):

 

Liebe Christen,

ich finde es toll (das sage ich ohne Ironie), dass Ihr etwas gefunden habt, an dem ihr Euer Leben ausrichten wollt, an das Ihr glaubt und das Euch Kraft und Sicherheit gibt, aber bitte kommt runter von dem Gedanken, dass Eure Gesetze, Eure Bibel für alle gilt und Euch das Recht gibt, über Menschen mit anderen Wert- und Lebensvorstellungen anhand dieser Bibel zu urteilen oder gar zu richten. Verschont mich (und andere Nicht-Gläubige) bitte mit der häufigen Überdosis an Überzeugungsversuchen, dann lasse ich euch in Ruhe mit meiner Wissenschaft.

Auch ich glaube an Gesetze und Ethik, sie fußen nur nicht auf einer alten Schrift, sondern auf einer “universellen Ethik”, wie sie vielen (nicht nur gläubigen) Menschen gemein ist. Auch ohne Gebote weiß ich, dass Töten Unrecht ist und der Satz “Was du nicht willst, dass man dir tu’, das füge keinem anderen zu” funktioniert auch ohne Theologie vortrefflich.

Und… nicht jeder “atheistische Kommentar” über einzelne Christen oder Aktionen ist ein Frontalschlag gegen das gesamte Christentum. So wie die tuntigen Regenbogenvögel eines CSD nicht stellvertretend sind für die Gesamtheit der Schwulen, ist der Jesus-Tanz im Bibel TV auch nicht stellvertretend für alle Christen. Wenn man sich also über Tunten oder Tanz amüsiert, ist das noch kein Erdrutsch, geschweige denn ein Generalangriff auf alle. Und sich selbst in die Opferrolle zu manövrieren bringt niemanden (weder Schwule noch Christen) weiter.

 

Liebe Atheisten,

als “Einer von Euch” kann ich verstehen, wenn ihr sauer seid über diverse Aktionen und Ansichten streng religiös denkender Menschen. Lese ich Äußerungen wie die des Papstes über die Homo-Ehe, gehe ich an die Decke. Denoch erwarte ich von Euch und mir eine klare Differenzierung. Wenn wir Toleranz und Akzeptanz von anderen erwarten, müssen wir sie auch selbst anderen zukommen lassen. Viele Angriffe und Formulierungen sind nur noch pauschal verletzend und schießen weit über das Ziel hinaus. Wir treffen damit nicht nur jene, gegen deren Einfluss und Schaden wir uns wehren wollen (und sollten), sondern auch all jene Gläubigen, die einfach nur ihren Glauben leben, ohne dabei anderen Menschen zu schaden. Und diese verdienen unseren Respekt wieder jeder andere auch. Ganz davon abgesehen machen wir uns einfach nur unglaubwürdig.

Äußerungen wie “Wie kann man nur an so ein Scheiß glauben” oder “Drauf geschissen, was in der Bibel steht” sind unterstes Niveau und fallen vor allem auf denjenigen zurück, der sie von sich gegeben hat. Wenn Euch Bibel, Glaube, Gebete und Gebote abstrus erscheinen, was soll’s? Solange (und darin liegt der Kern) sie niemandem anderen schaden, dürfen wir Glauben genauso wenig verurteilen wie andere unseren Nicht-Glauben, selbst, wenn wir ihn weder verstehen noch nachvollziehen können. Erst da, wo es “gefährlich” wird, ist Gegenwehr angesagt, aber auch dann mit der oben beschriebenen Differenzierung.

Ich habe Christen kennengelernt, die toleranter sind als so mancher Atheist und eine kleinstädtische evangelische Kirchengemeinde, die einen offen schwul lebenden jungen Mann zum Pastor ihrer Gemeinde gewählt hat, wonach dieser dann mitsamt Lebenspartner ins Pfarrhaus einzog.

 

Fazit:

Wenn jemand meine Lebensweise bedroht oder so fundamental in Frage stellt, dass daraus für mich Nachteile erwachsen können, wehre ich mich. Die Gefahr, dabei über’s Ziel hinauszuschießen und zu pauschalisieren, ist groß, trotzdem muss ich genau das vermeiden, wenn ich es von anderen erwarte. Ich bin der Meinung, dass Gläubige und Atheisten sehr wohl nebeneinander und miteinander existieren können, wenn beide Seiten es lernen, die “andere Seite” so zu akzeptieren, wie sie ist, ohne sie beeinflussen zu wollen oder ihr zu schaden. In der Praxis gibt es auf beiden Seiten leider noch viele, die das nicht sehen, sondern einseitig draufhauen und selbst mir passiert das hin und wieder. Wenn wir aber wachen Auges sind und auch mal einen “ersten Schritt” tun, kann es letzten Endes für alle nur besser werden.

Es braucht immer einen ersten Schritt. Von jedem.

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Bleib Du selbst… aber wer ist das?

Eben las ich folgenden Tweet:

Meine erste Reaktion war Zustimmung. Ja, Recht hat er, man sollte nicht einfach andere nachmachen, sondern “man selbst” sein und bleiben. Etwas, dass einem von vielen Seiten suggeriert wird: “Man selbst” sein, authentisch, natürlich, gerade heraus. Aber dann stockte ich… Gerade heute unterhielt ich mich mit einem Freund darüber, wie schnell mein Bild von mir und das meiner Mitmenschen auseinanderdriften kann. Wie aber kann ich dann noch sicher sein, was “Ich selbst” bedeutet, wer legt das fest? Ich? Meine unmittelbaren Mitmenschen? Die Mehrheit?

Nehmen wir mal an, ich sei ein Modeignorant. Ziehe gerade an, was mir passt, ohne mir viel Gedanken darüber zu machen, ob das “zusammenpasst” oder anderen gefällt. Doch es läuft nicht so gut in meinem Leben, ich bin unzufrieden, auch mit mir selbst. Dann, aus Neugier und dem Gefühl, ich müsste mal was ändern, fange ich an, zu experimentieren. Ich probiere andere Klamotten, einen anderen “Style”. Und es macht mir Spaß, ich fühle mich wohler, ich finde etwas, mit dem ich mich identifizieren kann, vielleicht ein frischer Wechsel, vielleicht etwas, von dem ich das Gefühl habe, dass es mehr mir selbst entspricht als das, was ich vorher getragen habe. Meine Freunde aber wundern sich, warum ich nicht mehr in meinen alten Klamotten rumlaufe, sondern plötzlich aussehe wie einer von denen, über die sie sonst immer gelästert haben. Sie fragen sich, was mit mir passiert ist, warum ich mich so verändert habe, warum ich ihnen so fremd geworden bin.

Aber bin ich das wirklich?

Während ich das Gefühl habe, dass ich eigentlich noch derselbe bin wie vorher (nur, dass ich jetzt etwas gefunden habe, in dem ich mich wohler fühle), stecken meine Freund mich in eine Schublade, machen ein Schild drauf und – Rumms – schieben mich in die Der-gehört-nicht-mehr-zu-uns-Ecke ab. Weil ich nicht mehr “Ich selbst” sei, weil ich andere kopiere, weil sie sich mit mir (genauer: meinem Aussehen) nicht mehr identifizieren können.

Das war zwar ein einfaches Beispiel, aber es zeigt bereits, wie “Ich selbst” nicht nur Wandelungen unterworfen, sondern aus verschiedenen Perspektiven auch ganz unterschiedlich definiert sein kann. Während ich im obigen Beispiel das Gefühl habe, die ganze Zeit ich selbst zu bleiben oder aufgrund höherer Zufriedenheit noch mehr ich selbst zu werden, sehen die anderen eine unangenehme und befremdliche Wandlung. Sie erlauben mir die Veränderung nicht, weil ich mich von dem entferne und das infrage stelle, das sie als Identität in der Gruppe definiert und angenommen haben. Du gehörst zu uns, weil du so und so bist. Aber das setzt auch voraus, das du so bleibst, sonst hast du hier nix mehr zu suchen.

Wer also hat recht? Ich, trotz der Wandlung, oder die Gruppe, weil sie auf Kontinuität und Verlässlichkeit besteht?

Nehmen wir ein anderes, krasseres Beispiel, nehmen wir einen Neonazi und strapazieren mal das Klischee ein wenig. Aufgewachsen in einer “strukturarmen” Gegend mit hoher Arbeitslosigkeit und wenig Geld, war er schon immer der Meinung, dass die wenigen Arbeitsplätze den Deutschen vorbehalten sein sollten und überhaupt “die Ausländer an allem schuld sind”. Meine Reaktion darauf: Au weia, so einfach machst du es Dir, das kann doch nicht sein, mach doch mal die Augen auf über die wirklichen Machtverhältnisse und Gründe für Deine Situation etc. Ich möchte ihn überzeugen, verändern, erleuchten… aber was tue ich damit wirklich?

Ich weiß, diese Sichtweise ist provokativ, aber wenn wir die Ausgangslage betrachten, ist der Neonazi in seinem Tun und Handeln vielleicht mehr “er selbst” als wenn ihn jemand plötzlich zu einem Alternativen oder einem Sozialisten machen wollte. Der Unterschied ist klar… während wir im ersten Beispiel noch von der Identität einer kleinen Gruppe sprachen, bekommt es nun plötzlich eine politische, eine übergeordnete Dimension. Doch trotz des Unterschiedes bleibt die Frage gleich, wer denn eigentlich definiert, was “Man selbst” ist. Ich denke  mal, dass die meisten den Homosexuellen ihr Schwul- oder Lesbischsein als Teil “ihrer selbst” zugestehen, bei Neonazis ist das Gegenteil der Fall. Beides ist aus meiner ganz persönlichen Sicht gut so, aber wenn es schon so schwer ist, “Ich selbst” im Sinne von Authentizität zu definieren und anzuerkennen, dann sollten wir mit Aussagen wie “Bleib du selbst” eher vorsichtig sein.

Es geht eben nicht darum, ein “Ich” in Stein zu meißeln und nie mehr zu ändern. Manchmal brauchen Menschen diese Änderung geradezu, manchmal ist sie politisch gesehen sinnvoll, manchmal ergibt sie sich einfach von selbst, weil Leute neue Dinge, neue Menschen kennenlernen, die sie faszinieren, sie fesseln und sie beschäftigen. Und es ist nicht zwangläufig ein Zeichen von Kopieren, wenn man sich aus diesen neuen Ideen und Einflüssen etwas heraussucht, das einem gefällt und zum Teil von sich selbst macht. Jedem steht frei, sich selbst zu “modellieren” und sogar zu widersprechen. Sollen doch die anderen den Knoten wieder aufdröseln, wenn sie das unbedingt wollen. Oder der Dynamik schlicht und einfach folgen, weil sie erkennen, dass sie widerum auch für sich neue Impluse bekommen können.

Klar, Menschen brauchen Vertrautheit, etwas, das sie kennen und zu dem sie zurückkehren und sich “daheim” fühlen können. Aber sie sollten sich und anderen nicht die Chance nehmen, sich weiterzuentwickeln. Ob man (zufällig oder absichtlich) dabei jemand anderen kopiert, ist nebensächlich, solange man mit Herz und Überzeugung dabei ist, niemandem schadet und weiterhin das lebt, was die ganze Dynamik zwischen uns überhaupt erst möglich macht: Offenheit und Toleranz.

Bleib Du selbst, aber habe keine Scheu davor, dich genau dabei jederzeit weiterzuentwicklen und immer wieder neu zu erfinden.

 

(Inspirationen neben dem Tweet: Der Film “Der Teufel trägt Prada”, den ich gestern sah, sowie die vor laaanger Zeit gelesenen Bücher “Stiller” und “Mein Name sei Gantenbein” von Max Frisch.)

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Eifersucht und die Folgen.

Eben gerade sah ich die 7. Folge aus der 3. Staffel von „The Big Bang Theory“ (TBBT), eine für die Serie ungewöhnlich ernste, hintergründige und für mich sehr anstrengende Folge, in der dauernd gestritten und geschrien wird. Kern des Plots ist ein Streit aufgrund Lennarts Eifersucht, weil Penny (seine Freundin) einen alten Freund bei sich auf dem Sofa übernachten lassen will. Sheldon, Lennarts Mitbewohner und ein Nerd mit Asperger-Syndrom, wird durch diesen Streit in seine Kindheit zurückgeworfen. Er flüchtet vor den Auseinandersetzungen bis hin zum Rückzug vor der Realität, indem er sich wieder wie damals als Kind fühlt und reagiert.

Eifersucht ist aus meiner Sicht mit das fieseste und hinterhältigste Gefühl, dass in einer Beziehung auftauchen kann. Es baut oft nur auf Verdacht und Vermutungen auf, die daraus folgenden Ängste und Besitzansprüche werden aber als so real empfunden, dass sie heftige und heftigste Reaktionen auslösen. Quasi aus dem Nichts kann die Eifersucht eine Freundschaft, Beziehung oder Ehe in ihren Grundfesten erschüttern und es ist sehr schwer, die tief sitzenden Gefühle mit rationalen Argumenten oder Vertrauen wieder in den Griff zu kriegen.

Ich hasse es, einer Eifersuchtsszene beizuwohnen, ja, schon das Anschauen in Film oder Fernsehen bereitet mir Probleme, weil ich mich dauernd frage, was soll das, warum tun die das eigentlich, wieso machen die sich das Leben selber so schwer. So war es auch in der TBBT-Folge, stellvertretend für mein eigenes Unwohlsein traf es Sheldon, der während der heftigen Streits an seine Kindheit erinnert wurde, wobei die Szenerie eine neue Dimension bekam.

Es ging nicht mehr nur um die Frage, warum Paare sich das Leben selber so schwer machen, sondern was sie damit ihren Kindern antun. Jenen, die das Drama hautnah mitbekommen, oft nicht verstehen, was eigentlich passiert ist und schliesslich auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung von beiden Elternteilen vereinnahmt und manipuliert werden, damit sie sich auch ja auf deren Seite schlagen.

In der letzten Steigerung, dem Extremfall der Scheidung, wissen die Parteien oft selbst nicht mehr, warum sie eigentlich streiten und was dazu geführt hat, dass eine einst so gut funktionierende Beziehung und große Liebe mit der Zeit dermaßen in die Brüche gegangen ist.

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Liebe Eltern, habt ihr Euch eigentlich einmal Gedanken gemacht, was ihr Euren Kindern damit antut? Was in ihnen vorgeht, wenn beide Elternteile an ihnen zerren, auf die eigene Seite holen wollen und den Partner Stück für Stück demontieren? Vermutlich nicht, weil ihr mit Euren Gefühlen und Streitereien selber viel zu beschäftigt seid, weil sich der Krieg so verselbständigt hat, dass ihr schon routinemäßig aufeinander einschlagt und „Colateralschäden“ gar nicht mehr wahrnehmt.

Das Schlimme an heftigen Erdbeben – geht man nach den Zeugenbeschreibungen – ist der fundamentale Zusammenbruch dessen, auf das wir uns normalerweise blind verlassen: Ein fester Boden unter den Füßen. Bei Feuer oder Wasser gibt es wenigstens noch eine Hoffnung, eine Idee, wohin man sich retten kann. Bei einem Erdbeben wackelt alles um dich herum, bricht zusammen und es gibt nichts mehr, an dem du dich festhalten kannst. So ungefähr stelle ich es mir vor, wenn sich Vater und Mutter, die beiden Menschen, an denen man sich als Kind orientiert, festhält, Geborgenheit findet, gegenseitig demontieren und in Grund und Boden stampfen. Du hast nichts mehr in Deiner Familie, an dem du dich festhalten kannst (außer, du hast gerade in diesem Moment das Glück, Geschwister zu haben, die das schaffen).

Es macht mich traurig und wütend, wenn ich Menschen erlebe, die genau dies mitmachen, die zwischen zerstrittenen Eltern stehen, die Scheidung oft schon vollzogen, und nun leben sie bei einem der beiden Elternteile, im schlimmsten Fall da, wo sie gar nicht hinwollten.

Es ist einfach zu sagen, man könne über alles reden (auch, wenn es immer wieder stimmt), aber mit der Eifersucht schleicht sich ein „Kriegsgrund“ in eine ansonsten gut funktionierende Beziehung, der aufgerissene Gräben oft erst dann erkennen lässt, wenn es schon zu spät ist.

Was kann man dagegen tun? Vertrauen? Klar, das ist wohl das beste Mittel gegen Eifersucht, es steht dieser sogar komplett diametral (oder wie immer das heißt) entgegen. Wo Vertrauen herrscht, kann Eifersucht (theoretisch) gar nicht erst aufkommen. Aber Vertrauen kommt nicht von ungefähr, es will erworben, gehegt und gepflegt werden. Vor allem aber ist eines wichtig: Offen miteinander reden, ehrlich sein, Unzufriedenheiten und Missverständnisse angehen, bevor sie größeren Schaden oder Narben anrichten können. Dann ist es doch eigentlich gar nicht so schwer, ohne fundamental destruktive Streits durch das Leben und eine Beziehung zu gehen. Und die Kinder haben auch was davon.

Ein Traum? Ja, aber ein realisierbarer. Wenn ihr alle Augen und Herz ein bisschen öffnet und daran denkt, was Euer Verhalten bei Euch selbst, aber vor allem auch den anderen auslöst. Dann klappt das mit dem Haus am See und der besseren Welt.

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Was ist besser, Optimismus oder Pessimismus?

Vermutlich haben die meisten von Euch darauf ein schnelle Antwort und vermutlich werden viele spontan “Optimismus” sagen, weil sie damit positive Gefühle verbinden, Freude, Lachen, Spaß am Leben. Dabei ist Optimismus nur eine weitere Höhe, aus der man fallen kann, sagen die Pessmisten. Weil sowieso alles den Bach runtergeht, jeder irgendwann stirbt, jede Beziehung eines Tages auseinanderbricht und jeder Schokoriegel einmal aufgegessen ist. Ist es also nicht viel praktischer, gleich mit dem Schlimmsten zu rechnen, damit man – wenn es soweit ist – nicht mehr überrascht und runtergezogen werden kann?

Es gibt ein ebenso passendes wie irreführendes Wort dafür: Zweckpessimismus. Man hört auf, an das Gute zu glauben und erwartet schonmal vorsorglich, bei nächster Gelegenheit auf die Schnauze zu fallen. Diese Einstellung ist aus zweierlei Gründen praktisch: Einmal, weil man, wie gesagt, nicht mehr überrascht werden, sondern stattdessen allseits verkünden kann, man habe es ja sowieso kommen sehen und andererseits, weil eine negative Erwartungshaltung die allerbeste Grundlage dafür legt, dass der “Fall” (im doppelten Wortsinn) auch tatsächlich eintritt.

Das Schöne am Zweckpessimismus ist, dass er sich nie täuscht. Sollte wider Erwarten doch mal etwas gut ausgehen, kann man diese freche Abweichung gleich als böse Täuschung des Schicksals abtun, die einen nur in falscher Sicherheit wiegen soll, um hinterher noch härter zu fallen. Mit diesem wunderbaren Trick wird selbst tatsächlich Gutes zum potenziell Schlechten und reiht sich ein in die Schlange selbsterfüllender Prophezeiungen, mit der das Leben sozusagen wie von selbst funktioniert und über die sich trefflich klagen läßt. Das bringt Aufmerksamkeit, eine Weile Mitleid (bis die Mitleidgeber ge-lang-weilt aufgeben) und jede Menge Selbstbestätigung.

Was dagegen hat der Optimist?

Auch er hat das “Recht” auf negative Erfahrungen, die ihn – wenn er nicht gerade unter Psychopharmaka oder anderen Weltverschönerungsdrogen steht – von Zeit zu Zeit heimsuchen werden. Er wird leiden, heulen, zweifeln und dabei vielleicht ein tieferes Tal durchschreiten, als der Pessimist. Aber er wird wieder aufstehen, den Dreck von der Kleidung wischen und sich fragen, was da eigentlich gerade passiert ist, was ihm warum widerfahren ist und wie er für’s nächste Mal daraus lernen kann. Mit dieser Erfahrung gewappnet kann er sich wieder den schönen Dingen widmen (deren Existenz von den Pessimisten gerne vehement bestritten wird), kann sich an kleinen Dingen erfreuen, einem Gefühl, einer Überraschung, einem Lächeln, einem Stück Schokolade, dem Duft von Pizza und Flieder oder der Pünktlichkeit von ICEs (die mitunter nicht nur von Pessimisten bezweifelt wird).

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So einfach und konsequent das Leiden für den Pessimisten funktioniert, wird für den Optimisten die Freude eine Selbstverständlichkeit, ein Auftrieb, der den Segelflug positiver Gedanken und Gefühle verlängert, wenn nicht sogar erst ermöglicht. Dabei ist es mit dem Optimistenflug wie mit jedem anderen Flug… er ist irgendwann einmal zu Ende. Für konstant gute Erfahrungen ist unsere Welt nicht gemacht, dazu gibt es einfach zu viele beeinflussende und herunterholende Faktoren. So erwischt es auch den besten, trainiertesten und durchhaltewollensten Optimisten einmal und es geht wieder abwärts. Wie heftig er landet, hängt davon ab, wie schnell er umschalten, die Situation erkennen und sich auf den Touchdown einstellen kann.

Genau hier zeigt sich die Kunst des (Über-)Lebens. Ein schmaler Grat öffnet sich, in dem Optimist und Pessimist sich treffen und im Realisten vereinigen. In der Person, die gelernt hat, zu fliegen, zu vertrauen, keine Angst zu haben vor Höhe, die aber auch erkennt, wenn die Aufwinde nachlassen, Strömungsabriss naht und es Zeit wird, wieder festen Boden unter den Füßen zu bekommen. Heil auf dem Boden angekommen, bleibt genug Zeit und Gelegenheit, das eben Erlebte Revue passieren zu lassen, sich nochmal daran zu erfreuen und zu wissen, dass man gewappnet und bereit ist für den nächsten Flug, Körper und Geist aber auch eine Pause brauchen und etwas Gutes nur dann Gut bleibt, wenn auch das Schlechte, Alltag, Pflicht, Auseinandersetzungen, ihren Platz bekommen und bewältigt werden.

Hätten wir an jedem Tag Wochenende, wären diese nichts Besonderes mehr, bewahren wir uns aber die gute Erinnerung an ein ebensolches und können uns auf das nächste vorfreuen, packen wir auch die Woche dazwischen mit Links. Das genau macht den Unterschied zwischen dem Pessimisten und dem Optimisten. Der Pessimist hangelt sich von einer schlechten Arbeitswoche zur nächsten und wird schon am Freitag abend mit Gram auf den nahenden nächsten Montag schauen. Der Optimist geht mit dem guten Gefühl des Erlebten in die Woche, teilt dieses mit anderen und kann sich schon unter der Woche auf das nächste Wochenende freuen, das mit jedem Tag näherrückt.

Vielleicht aber sind der Pessimist und der Optimist schon zu besagtem Realisten verschmolzen, der sich einfach jeder momentanen Situation stellt und das Beste daraus macht. Nicht mehr, und nicht weniger. Der weiß, dass er irgendwann sterben wird. Dass die Beziehung irgendwann in die Brüche geht. Dass irgendein Schokoriegel irgendwann gegessen sein wird. Den das aber nicht kümmert, weil irgendwann eben irgendwann ist und nicht jetzt. Der lieber einen tiefen Zug Leben in sich aufsaugt, für seinen Partner und seine Freunden da ist und der genau weiß, dass “Nach dem Schokoriegel vor dem Schokoriegel” ist.

Ein “schlauer” Mensch sagte einmal, “Ein Pessimist ist ein Optimist mit mehr Erfahrung”.

Das gilt auch umgekehrt. Wenn der Pessimist es zulässt.

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Über den Wolken – Flughöhe Null

Kennt ihr den Moment, wenn ihr dasitzt, nachdenkt und euch nichts sehnlicher wünscht, als die Antwort auf alle Fragen zu bekommen, die universelle Einsicht, die alles erklärt und Euch sagt, warum ihr und die Welt um Euch herum so ist, wie sie ist?

Das Leben beginnt, sich langsamer zu drehen, so langsam, bis es fast zum Stillstand kommt. Wenn ihr genau hinhört, bemerkt ihr das Bremsgeräusch, gefolgt von erwartungsvoller Stille. Ihr steht da, ein wenig ungläubig, und blickt auf den Boden des Daseins, befreit von all den Nebensächlichkeiten, vom täglichen Lärm der vielen Verführer, die uns für Geld jene Lücken füllen wollen, welche wir selbst erst definiert haben.

Es ist wie einen großen Schritt zurücktreten, wie die rote Pille, wie Abheben für einen Blick von oben auf das Tal der Tränen, in dem wir uns täglich Fragen stellen, deren unterbewusst erahnte Antwort wir eigentlich gar nicht wissen wollen. Diejenigen, die eben noch neben uns standen, werden zu Figuren in einem Spiel, das niemand erfunden hat, dessen Regeln wir nicht genau kennen, das uns in seiner Erbarmungslosigkeit aber mitunter den Atem raubt und den Blick in dichte Wolken hüllt.

In diesem Moment jedoch lassen sie nach, die Schmerzen, die Fragen, die Ungewissheiten, ziehen sich zurück in ihre Höhle wie eine Moräne in ihr Loch, wachsam, aber wartend. Das ist die Gelegenheit, den Blick schweifen zu lassen, hinzuschauen, zu beobachten, zu staunen. Denken spielt in diesem Moment keine Rolle, es wäre nur erneute Verfärbung und Interpretationsversuch. Es ist ein Gefühl wie „Sowas machen die Menschen?“, eine leichte bis mittelschwere Form von Ungläubigkeit, die aber nicht wertet, sondern nur schaut. Nicht verurteilt, sondern aufsaugt, was bisher so trefflich verborgen lag unter all den Schichten täglichen Mitspielens, Leidens und Freuens.

Hat man diese Distanz erst mal geschafft, wird plötzlich alles leicht, weil egal. „Und dann würde, was uns groß und wichtig erscheint, plötzlich nichtig und klein“. Das Leben mutiert zu einem Tilt Shift-Video, in der unzählige kleine Männchen scheinbar planlos herumwuseln in einer farblich übersättigten Welt mit miniaturisierten Gebäuden, Straßen und Schicksalen.

Und was hat das mit unserem eigenen Leben zu tun? Mit unserer Suche nach Erkenntnis, Bestätigung und der Weltformel? Genau hier findet sie einen Ruhepol, eine Stätte der Entspannung, vielleicht sogar des Friedens und Ziels. Weil wir sie gerade hier und jetzt hinter uns gelassen haben, unsere Ängste, Hoffnungen, Verzweiflungen und Verdammungen. Weil wir nicht mehr werten müssen noch bewertet werden, weil wir Wesen und Sein als das betrachten können, was es ist. Eine kleine Welt, sie sich oben, unten, links und rechts sofort in Unschärfe verliert, sobald sie aus dem Fokus gerät, Die gleichzeitig überall ist und nirgends.

Es kehrt eine Leere ein, doch es ist keine Leere der Unruhe, Verzweiflung, keine Leere, die aufgefüllt werden muss, sondern eine, die sich gerade darin wohlfühlt, leer und klar zu sein, wie verlassene Bahnsteige an einem frischen Spätsommermorgen. Das macht auch diejenigen unwichtig, die uns sonst in unserer täglichen Suche nach Erfüllung so beständig beschwätzen, die Heilsbringer aus Fernsehen, Kirchen und Konsum.

Ich fühle mich wohl in dieser Leere auf der Zugfahrt von Mainz nach Osnabrück, in dem Gefühl, dass all die Menschen um mich herum wie ich nur kleine Bausteine einer Matrix sind, die im Ganzen keiner überblickt und nie überblickt hat (schon aus diesem Satz lässt sich mein Glaubensstatus ablesen). Ich kann sie vorbehaltlos lieben, ignorieren, hassen, verehren, nachahmen oder ich kann es auch einfach lassen und ihnen nichts mehr vor- hinterher- oder nachtragen. Das macht das Leben auf angenehme Art und Weise leichter, weil ich plötzlich nicht mehr abgelenkt bin durch die vielen kleinen Vorurteilchen und Mißgünstigkeiten, Schubladen und Unwohlfühleinheiten, die mich sonst beim Kontakt mit Menschen in diesem komischen realen Leben mitunter plagen. Nein, ich kann ihnen ins Gesicht schauen, lächeln, ihnen die Tür aufhalten und bin doch nur ein Beobachter ihrer mitunter unbeholfenen Versuche, in dem, was sie für Realität halten, klarzukommen.

Vielleicht, ja, wahrscheinlich, muss ich irgendwann wieder runter von dieser Wolke, wieder zurück in das irdische Leben, die Matrix, den Alltag, die üblichen verdächtigen Handlungen und Begehrlichkeiten. Ich werde wieder erschrecken, die Luft anhalten, lachen, fluchen, verurteilen, wollen, weigern. Doch für den Moment einer Zugfahrt, dieses Tages und womöglich ein paar weiterer Atemzüge mehr werde ich die Zeit auf der Wolke genießen.

Wenn es mich dann einst wieder sehnt, stehe ich halt früh morgens auf, stelle mich auf den Bahnsteig im Mainzer Hauptbahnhof, atme tief ein und lasse mich fallen.

(geschrieben auf der Zugfahrt von Mainz nach Osnabrück. Abfahrt Mainz 07:17 Uhr ;))

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Ist das Leben scheisse?

Ich las eben Deinen Blogpost, Leon, mit dem schlichten Titel “Das Leben ist scheisse”. Knapp, hart und kompromisslos. So jedenfalls die Überschrift. Im Text führst du zwei Beispiele an: Das des kleinen Arbeiters/Angestellten, der ein Leben lang für wenig Kohle ackert. Und den studierten Schaffer, der vor lauter Maloche seine Kinder nicht sieht und mit dem dem verdienten Geld seiner Familie ein sorgenfreies (?) Leben bereitet, von dem er selber aber nichts mitkriegt.

“Das sind die Optionen” schreibst du (zumindest, wenn man Familie will) und ich muß lange überlegen, ob es stimmt, ob du recht hast, ob da wirklich nichts mehr ist sonst. Ich zähle ja eigentlich nicht, denn ich habe keine Familie und kann mir daher Freiheiten erlauben (sowohl zeitlich als auch finanziell), die Familienväter und -mütter nicht haben. Aber wie ist es in meinem Umfeld… da gibt’s doch genug Familien, was ist mit denen?

Ich tue mich schwer, überlege, suche und da… fällt mir eine Familie ein, die… ach ne, doch nicht. Ist es wirklich so schwer? Ich denke an die vielen Leute, die ich kenne, welchen Kontakt sie zu ihren Eltern haben, wie “sichtbar” diese Eltern für sie (und mich) sind oder ob diese auch zu den unsichtbaren Nach-14-Stunden-ins-Bett-Fallen-Eltern gehören.

Kurz bevor ich den Verstand verliere, finde ich sie dann doch, näher als ich dachte. An meinem Arbeitsplatz, wo mein Kollege 4 anstatt 5 Tage pro Woche arbeitet und jeden Freitag für seinen Sohn (und die vor kurzem geborene Tochter) da ist. Bei einem Treffen vor drei Wochen, wo ich einen Familienvater kennengelernt habe, der oft und begeistert von seinen Kindern erzählt und dem ich sofort abnehme, dass er seinen Kleinen ein toller Vater ist. Und bei einem sehr guten Freund aus Hamburg, der sich eine Auszeit genommen hat, um wieder vom Arbeitstrip (den er durchaus gehabt hat als Projektleiter) runterzukommen.

Vielleicht sind das ein paar Tropfen auf viel heiße Steine, aber sie machen mir Mut. Und zeigen mir, dass es geht, dass es funktionieren kann, dass es kein Gesetz gibt, welches einen verpflichtet, in einer der beiden von Dir genannten Gruppen zu verfallen. Aber es setzt voraus: Ein Bewusstsein, bewusst zu sein. Sich nicht der täglichen Dröhnung Arbeit oder RTL hinzugeben. Sondern wach zu bleiben, zu hinterfragen, zu zweifeln. Und zu lieben. Hier und Jetzt.

Medien und Konsumtempel wollen uns suggerieren, wie wir zu sein haben. Schaffen, Anschaffen, uns verhuren für den nächsten Luxus, der uns doch nur wieder Arbeits- und damit Lebenszeit kostet. Und wenn wir dann mal ausgepowert nach Hause kommen, halten sie auch gleich die Betäubungsspritzen in 16:9 bereit.

Ja, ich weiß, ich habe gut reden, bin ja selber den schönen Apfel-Dingen im Leben nicht abgeneigt. Aber darüber hinaus sind wohl die größten Ausgaben jene, die ich tätige, um Menschen zu sehen. Menschen, die mir wichtig sind. Ich sehe so gut wie nie fern, aber habe oft und viel Kontakt zu anderen Menschen, sei es in sozialen Netzwerken (woher wir uns ja schliesslich auch kennen) oder im realen Leben.

Ich bin davon überzeugt, dass dieser Weg durchaus reproduzierbar ist. Für jeden, der wach durch die Welt geht und die Oberhand behält über die Prioritäten, die er selbst setzen kann und will. Ein gewisser Konfuzius sagte wohl mal (meine Freund können das Zitat schon nicht mehr hören ;)):

  • Gib mir die Gelassenheit, die Dinge zu ertragen, die ich nicht ändern kann.
  • Gib mir die Kraft, jene Dinge zu ändern, die ich tatsächlich ändern kann und
  • Gib mir die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Auch, wenn gerade der dritte Punkt manchmal schwerfällt und wenn es Momente gibt, wo ich Deinen Worten nur allzu gerne zustimme, ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass es doch immer wieder funktionieren kann.

Vielen Dank, Leon, für die Anregung durch Deinen Post. Der mir doch einmal mehr gezeigt hat, wie viele Menschen das “nah dran” schon überschritten haben und versunken sind, während wir uns jeden Tag wieder daran erinnern sollten, wie wir den Kopf über Wasser halten können. Irgendwann werden die Schwimmbewegungen automatisch und es macht vielleicht sogar Spaß.

Danke.


Korrektur: Das “Gelassenheitsgebet” stammt offensichtlich nicht von Konfuzius (wie ich immer dachte und gerne zitiert wird), sondern von Reinhold Niebuhr. Danke an @wunderfitzig für den Hinweis. 🙂

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50 Fakten über mich.

  1. Mein Lieblingsgemüse ist Brokkoli.
  2. Ich habe zwei Studiengänge geschmissen, einen nach zwei und einen nach 3 Semestern.
  3. (geändert) Heute arbeite ich als “Systemarchitekt Virtualisierung” bei Lufthansa Systems.
  4. Ich habe die achte Klasse wiederholt.
  5. Das Knistern von Chipstüten wie auch einige andere Geräusche machen mich aggressiv.
  6. Ich habe zweimal in meinem Leben mein Hobby zum Beruf gemacht (Rettungsdienst und IT).
  7. Mit 12 habe ich im Bahnhof Frankfurt-Höchst mal einige Stunden lang die Zugansagen gemacht. “Bitte Vorsicht auf Gleis 3…”.
  8. Ich habe Heuschnupfen und allergisches Asthma, seit ich 4 bin.
  9. In der 6. und 7. Klasse wurde ich wegen meines Körpergewichts ziemlich gemobbt.
  10. Der Tag der Bundesjugendspiele war für mich der schrecklichste Schultag des Jahres.
  11. (geändert) Ich habe seit einigen Jahren einen Tinitus.
  12. Ich hatte in meinem 12 qm-Zimmer bei meinen Eltern zeitweise bis zu 35 (auch große) Pflanzen.
  13. Im selben Zimmer hatte ich eine selbsgebaute Voliere mit 6 Wellensittichen.
  14. Ich bin trotz Höhenangst eine fast 30 Meter hohe Drehleiter (DL30) bis zum Ende hochgeklettert.
  15. Ich bin die ersten 25 Jahre meines Lebens mit Hunden aufgewachsen.
  16. Für mich ist Weinen ein sehr befreiendes Gefühl. Auch, wenn es recht selten vorkommt.
  17. Ich spiele Klavier und Gitarre, hatte aber lediglich 2 Jahre Heimorgel- und niemals Gitarrenunterricht.
  18. Ich bin ein Einzelkind, habe mir aber nie wirklich die Frage gestellt, ob ich lieber mit einem Bruder aufgewachsen wäre oder nicht.
  19. Schon mit 11 Jahren habe ich alleine meine Mutter in unserem Schnellimbiss vertreten.
  20. Ich hatte in Sport nur ein einziges Mal im Zeugnis eine 1 und zwar im Abschlußjahr.
  21. Ich habe zwei Mal in meinem Leben eine Muschel probiert. Mit 10 und nochmal 10 Jahre später. Ich hab’ beide nicht runterbekommen.
  22. Heute bedeuten mir Freundschaften mehr als Verliebtsein.
  23. 3 Monate vor dem Abi hatte ich einen schweren Unfall, der einiges in meinem Leben verändert hat.
  24. Ich habe noch nie jemand absischtlich mit der Faust ins Gesicht geschlagen.
  25. Ich verschlucke mich immer mal wieder heftig, sogar an meinem eigenen Speichel.
  26. Ich liebe Zug fahren.
  27. Ich habe recht hohe Ansprüche an mich selbst.
  28. (geändert) Ich esse, wenn ich alleine bin, fast immer vor dem Mac.
  29. Ich hatte in meinem Leben 3 Motorräder, bevor ich mir vor ein paar Jahren zum ersten Mal ein Auto kaufte.
  30. Ich war noch nie im Fernsehen. Ich war einmal im Fernsehen, nämlich im Offenen Kanal Frankfurt/Offenbach mit einer 45-minütigen Kultur-Satire-Sendung zusammen mit @AufSendung.
  31. Mein schlechtestes Halbjahreszeugnis hat einen Schnitt von 4,3.
  32. Dafür steht in meiner Abiturnote vor dem Komma eine 1.
  33. Twitter hat meine soziales Leben und Kontakte vollkommen umgekrempelt.
  34. Ich habe von 2008 bis 2010 in Budapest gelebt.
  35. Ich fahre lieber bei 15° Inliner als bei 35° am Strand zu liegen.
  36. Ich bin mit 16 aus der Kirche ausgetreten.
  37. Ich bin Jahressieger 2006 der Lufthansa Fotoclubs, Sparte “Color”
  38. Ich habe viel zu viel Zeug in meiner Wohnung und will schon seit Ewigkeiten mal richtig ausmisten.
  39. Ich fotografiere gern und einigermassen gut, bin dabei aber auch sehr kritisch und bewundere viele Arbeiten anderer.
  40. Meine Lieblingsreiseländer sind (neben Deutschland) Norwegen, Schweiz und die USA.
  41. Ich habe nach dem Auszug zu Hause den Großteil meines Lebens in WGs gewohnt.
  42. Das Gefühl, ungerecht behandelt oder mißverstanden zu werden, macht mich wahnsinnig.
  43. Ich lebte 7 Jahre in einer Beziehung.
  44. Im Alter von 11 bis 15 war ich sehr großer Eisenbahnfan.
  45. Mit 13/14 habe ich oft um 17 Uhr die Kneipe meiner Eltern aufgemacht und alleine geführt, bis sie 1-2 Stunden später dazukamen. Ich habe sehr viel in der Kneipe mitgeholfen und es hat mir immer großen Spaß gemacht.
  46. Bevor ich 2006 zum Apple Fanboy mutierte, war ich 1997-2001 schon einmal Mac User, stieg dann aber wieder auf Windows (XP) um.
  47. Mein erstes Modem hatte 2400 bps Daten- und 9600 bps Fax-Geschwindigkeit.
  48. Die bedeutenste LP meiner Jugend ist “Dark Side Of The Moon” von Pink Floyd.
  49. Mein uralter Nick “Lazertis” stammt aus dem Hörspiel “Das Jahr Lazertis” von Günther Eich.
  50. Ich war noch nie auf dem Mond.
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Auf Twitter-Reise zu Erkenntnissen. Aus Gründen.

Eine Woche bin ich jetzt auf Reisen, habe tolle Leute getroffen, tolle Städte gesehen und tolle Gespräche geführt. Ich habe (obwohl  ziemlich atheistisch angehaucht) einen schönen Ostergottesdienst besucht und eine Hafenrundfahrt gemacht, einiges über das Angeln erfahren, war im Moor und einem doppelstöckigen Bahnhof, bin mit dem Bummelzug und guter Gesellschaft quer durch Schleswig-Holstein gefahren und habe mir mit anderen im Mecces eine Blasrohrschlacht geliefert.

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All das wäre wohl in dieser Form ohne Twitter nicht passiert, denn die Leute, die ich auf dieser Reise treffe, haben allesamt direkt oder indirekt mit Twitter zu tun. Das bringt mich zur ersten Erkenntnis: Wenn ich möchte, dass sich in meinem Leben etwas tut, muss ich die Initiative zu ergreifen, anstatt zu Hause sitzend auf ein Wunder zu warten. Muss auch mal ein “Wagnis” eingehen und wie letztes Wochenende die Familie von Maik und Tim besuchen, die ich vorher (bis auf die beiden) kaum kannte, bei der ich dann aber drei richtig tolle und inspirierende Tage erlebte. Muss auch mal Vorurteilen und Mißtrauen widerstehen, um schliesslich Türen zu öffnen, die man vielleicht vorher so nicht für möglich gehalten hätte.

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Die zweite Erkenntnis: Neugier ist optimalerweise bidirektional. Offenheit suchen und geben, sich Leuten mitteilen, ihre Fragen beantworten, aber auch selber stellen und bereit sein für Neues. Scheuklappen sind gut, um Pferden manchen Schreck dieser Welt zu ersparen, bei Menschen führen sie eher zu geistiger Verarmung und despirativen Mangelerscheinungen. Und man darf auch bei anderen ruhig mal Erwartungen durchkreuzen oder andere Seiten zeigen.

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Und schliesslich die dritte Erkenntnis: Ich werde nicht mehr versuchen, mich Nicht-Twitterern gegenüber wegen der Dynamik und Begeisterung, die ich mit und durch Twitter erlebe, zu rechtfertigen oder zu erklären. Es funktioniert einfach nicht. Wer Interesse zeigt, dem erkläre ich das “Prinzip Twitter” gerne (sofern man überhaupt von einem solchen sprechen kann), aber wer mit der Arroganz vorinternetlicher Maßstäbe an das Thema herangeht, soll gerne weiter beim TV-Abendprogramm verweilenund 0137er-Abstimmungen für ein Maximum an Interaktiviät halten.

Fabio, den ich heute in Kiel traf, schrieb nach unserem Treffen später in Twitter “Einen Tag erlebt, den ich so schnell nicht vergessen werde. :)”. Für mich ist eher noch “Eine Woche, an die ich noch lange und gerne denken werde”, weil sie mir viele neue Eindrücke, Aktionen und vor allem Gespräche gebracht hat und ein weiterer Beweis dafür ist, daß man mit offenem Geist und Herz einfach mehr sieht und erlebt.

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TwosternOB am 23. April im Centro

Einige von Euch, die diese Zeilen lesen, haben es vielleicht schon auf Twitter gelesen oder sich sogar bei Twtvite eingetragen. Am 23. April gibt es mal wieder ein Twitterertreffen im Centro Oberhausen. Für Euch alle, ob ihr nun bereits vorhabt zu kommen, oder noch überlegt, hier mal der aktuelle “Status”.

Derzeit haben ca. 25 Leute zugesagt plus weitere 7 “Maybes”. Wie auf Twtvite angekündigt, werden wir uns zuerst ab 11 Uhr im Starbucks in der Oase treffen. Ich werde schon so gegen 10 Uhr da sein, wer also noch früher kommen und helfen will, Plätze freizuhalten, nur zu. 🙂 Ein Besuch im Kult-Bucks darf ja bei keinem Twitterertreffen fehlen, das liegt ausser an den Getränke-Kreationen vor allem auch am kostenlosen WLAN.

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Da das Reservieren bei Starbucks nicht möglich ist und es etwas eng werden könnte, werden wir nach dem “Warm Up” um 13 Uhr umziehen in das Eiscafe Promenade. Ich habe eben mit Rosi, der Besitzerin, gesprochen, sie war ausgesprochen freundlich und die Reservierung überhaupt kein Problem. Was kann es Besseres geben. als sich bei 26 Grad (laut Wettervorhersage) auf einer Eiscafe-Terrasse breitzumachen. (Bilder)

Freies WLAN gibt es von Seiten des Eiscafes nicht, aber ich bin sicher, dass wir mit Hilfe unserer iPhones ein paar Hotspots aufbauen können. Zudem bringe ich noch ein Macbook samt UMTS-Stick für ein weiteres WLAN mit (guter Empfang vorausgesetzt).

Da ich schon einen Tag vorher im Centro bin (und auch dort übernachte), werde ich mir das Eiscafe gleich am Freitag ansehen und schauen, was noch zu regeln ist (z.B in Sachen Strom -> Es leben die Mehrfachsteckdosen). Bei der Gelegenheit kann ich auch gleich mal prüfen, wie der UMTS-Empfang da so ist.

Wenn ihr irgendwelche Ideen habt, was wir während des Treffens unternehmen könnten, schreibt… hier in den Kommentaren oder direkt an mich (@Lazertis oder elmar@schaf.de). Ideen sind auf jeden Fall willkommen. Ich habe auch schon über eine Aktion nachgedacht, bei der sogar etwas zu gewinnen wäre. Aber da muss ich noch mal die restlichen Nächte drüber schlafen (und planen), ob das funktioniert. Lasst Euch überraschen. 🙂

Weitere Updates zu #TwosternOB gibt es wie gehabt auf Twtvite, in Twitter und hier in diesem Blog.

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Gewehre und das Internet

Brauchen wir Gewehre?

Ich vermute mal, dass die meisten von uns nicht persönlich jagen gehen, sie ziehen die bequemere Fleischtheke oder das Selbstbedienungsregal im Supermarkt vor. Und doch gab und gibt es viele Menschen, die mit Hilfe von Gewehren ihren Speiseplan um allerlei Fleischliches bereichern. Aber werden Gewehre nicht auch verwendet, um andere Menschen zu verletzen, gar zu töten? Unbestritten, das Gewehr hat, wie das Messer auch, seine zwei Seiten. Und je nachdem, von welcher dieser Seiten man das Thema beleuchtet, erscheint es als Bedrohung oder Segen.

Der thematisch Sprung hin zum Internet ist an dieser Stelle vielleicht gewagt, aber nicht unmöglich. Fragt man Leute nach ihren Assoziationen zu „dem Internet“, hört man von „gefährlich“ bis „praktisch“ die unterschiedichsten Meinungen und Argumente. Nicht immer, aber oft, läßt sich von der Art der Antwort schon auf eine bestimmte Art der Internetnutzung schliessen. So wird jemand, der kaum per Mail, Web oder in sozialen Netzen unterwegs ist, vielleicht eher die negativen Seiten wahrnehmen, während ein intensiver Nutzer die Vorzüge anpreist, ohne die er oder sie gar nicht mehr auskommen möchte.

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In seinem Blog behandelt Tobias Gillen die Frage, ob das Internet Fluch oder Segen sei. Er beschreibt dabei vor allem negative Folgen wie Kompetenzverlust und die Gefahren, die sich aus der Abhängigkeit vom Internet ergeben (wirtschaftlich wie privat). Obwohl sein Post eine gewisse Tendenz aufweist, ist die Frage nach „Fluch oder Segen“ für ihn endgültig nicht zu klären. Beim anschliessenden Lesen der Kommentare fiel mir vor allem einer auf:

„Ich denke, wir haben uns da ein ganz böses Ei ins Nest gelegt mit dem ganzen Scheiß. Früher gab es das alles nicht und die haben auch überlebt.“

Linny, die Autorin, führt ihre Gedanken noch weiter aus und relativiert sie auch etwas, die oben zitierten Sätze fielen mir in ihrer Härte und (aus meiner Sicht) Einseitigkeit sofort auf.

Klar, früher (geht man nur weit genug zurück) gab es kein Internet, und trotzdem haben es die Menschen überlebt. Sie lebten wie selbstverständlich in einer Welt, in der Information vor allem unidirektional war. Die „großen“ Medien wie Tageszeitungen und Fernsehen (ARD/ZDF) verbreiteten von oben nach unten das Neue aus der Welt oder dem Nachbardorf, Leser und Zuschauer konsumierten. Telefoniert wurde ortsbezogen (man rief nicht eine Person an, sondern den Ort, an dem das Telefon fest verkabelt war), Spontaner Wissensdurst wurde mit dem heimischen Lexikon, einem Atlas oder in einer Bibliothek gestillt. Kommunikation über Länder- und Kontinentegrenzen hinweg wurde oft per Brief getätigt, da Telefonieren auf solchen Distanzen zu teuer war. Wollte man etwas kaufen, besuchte man einen Laden in der Nähe und ab und zu auch mal das große Einkaufszentrum im 30 Kilometer entfernten Mittelzentrum. Versandkataloge waren perfekt für das „Shopping zu Hause“. Verabredete man sich für den Abend oder das Wochenende, war das in aller Regel fest, denn war jemand erstmal unterwegs, war er in der Regel nicht mehr zu erreichen oder umzudirigieren.

Aber die Leute haben überlebt, und es ging ihnen gut. Weil die Menschen es nicht anders kannten und mit dem zufrieden waren, was sie hatten. Weil die Idee eines Online-Shoppings oder jederzeit weltweit verfügbaren Wissenspeichers nur in Romanen existierte. Selbst, als erste Vernetzungen entstanden, waren sie vor allem Wissenschaft und Militär vorbehalten und Otto Offline nicht zugänglich.

Doch dann kam das Netz. Und mit ihm die Gewehre.

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Aus der Möglichkeit, immer und überall online zu sein, resultiert für viele eine Pflicht. Sie erwarten, dass ihre Freunde, Mitarbeiter, Dienstleister jederzeit erreichbar sind und sie nutzen dazu statt der „guten alten“ Ort-zu-Ort-Verständigung personengebundene Kommunikation. Man ruft kein Telefon im Flur mehr an, das bei Abwesenheit der Bewohner ungehört vor sich hinklingelt, sondern erreicht per Handy-Telefonat, SMS, Mail und allerlei anderen Kurznachrichtendiensten die gewünschten Personen direkt. Die meisten Menschen unterwerfen sich dieser Pflicht, nicht zuletzt deswegen, weil sie selber davon ja auch profitieren, wenn sie wiederum andere kontaktieren wollen.

Ach ja, und erst die wirklich „dunklen Seiten“. Sendungen wie „Tatort Internet“ prägen gerade bei Eltern und Älteren ein Bild, das vor allem aus Bösem und Gefahren besteht. Dabei nutzen die Autoren eine durchaus verbreitete Unerfahrenheit und Unwissenheit der Zuschauer und produzieren Unsicherheit gleich in zwei Bereichen. Eltern verstehen nicht nur ihre eigenen Kinder nicht, die sich so hemmungslos in ihre „Social Networks“ hinein- und alles über den Haufen werfen, was man an familiärer Privatsphäre mühsam aufgebaut hat, sie werden auch noch mit dem „Schwarzen Mann“ konfrontiert, einer unbekannten, kaum zu erfassenden aber dafür umso größeren Gefahr, welche nur darauf wartet, die kommunikative Offenheit der Kinder auszunutzen und zu mißbrauchen. Die Reflexreaktionen sind dementsprechendend und erinnern eher an Rückenmark als an Großhirn.

In kaum einem anderen Bereich prallen „Digital Native“ und „digitaler Ignorant“ schärfer aufeinander, sind Verhaltensweisen und Meinungen eindeutiger und einseitiger. Auch du, lieber Leser oder liebe Leserin dieses Blogposts, wirst vermutlich Deine Meinung zum Thema haben und vielleicht gerade versuchen, mich in die ein oder andere Schublade zu stecken. Was will er uns denn jetzt sagen? Ist das Internet jetzt gut oder schlecht, gefährlich oder harmlos? Sollen wir unsere Kinder zum nächsten Twittertreffen fahren lassen oder nicht?

Genau da liegt der Punkt. Eine Patentantwort und -lösung gibt es nicht, genausowenig wie auf die Frage, wie man am ehesten die Überquerung einer 8-spurigen Hauptverkehrsstrasse bei ausgefallener Fußgängerampel bewältigt und dabei auch noch überlebt.

Sagte da eben jemand „Einfach nicht drüberlaufen“?

Momentan sind viele Leute überfordert vom Internet: Kinder, Jugendliche, Eltern, Manager, Gesetzgebende und nicht zuletzt die Otto Onlines im Land, die sich vom Glanz der Bits und Bytes hinreissen lassen und gar nicht mehr ohne wollen, geschweige denn können. Wir sind in einer Lernphase, alle zusammen, wie wir hier stehen. Wir haben die Geister gerufen, die Büchse geöffnet und so mancher (z.B. die im Profitwahn erstarrte Musikindustrie) war erstaunt, dass die neuen  Technnologien nicht nur alte Strukturen und Profitebenen erweitern, sondern ganz neue Mechanismen und Ideen hervorbringen können.

Und genau so sollten wir uns ihnen auch stellen. Kritisch, aber nicht feindlich. Neugierig, aber nicht blind. Und vor allem offen.

Twoberhausen

Soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook schaffen Formen von Kommunikation und Gemeinschaft, die vor einigen Jahren kaum bis undenkbar gewesen sind. Sie sind in ihrer Bedienung so einfach wie in ihren Konsequenzen anspruchsvoll. Damit aus dem Fordern kein Überfordern wird, brauchen alle Beteiligten Raum und die Gelegenheit zum Lernen. Wachsamkeit und Wagnis helfen uns, die Herausforderung kennenzulernen ohne in ihr unterzugehen. Blinder Rückzug und Abschottung helfen nicht, auch und vor allem nicht im Umgang von Eltern mit ihren Kindern. Liebe Erwachsene, schaut hin, was Eure Kids machen, lernt von ihnen und seid Vorbilder. Und vor allem: Gebt ihnen Gelegenheit für Erfahrung, aber lasst sie dabei nicht allein. Wer Sicherheit und Selbstbewußtsein früh mit auf den Weg bekommt, wer sich auskennt in der Welt und festgestellt hat, dass heisse Herdplatten wirklich weh tun, der bringt genug Vorsicht, aber auch Offenheit mit, um die 8-spurige Verkehrsstrasse zu überleben. Und der weiß, ein Gewehr zu respektieren, seine Gefahren einzuschätzen und den Nutzen zu würdigen.

Was gut und schlecht ist, bestimmen wir selbst. Wenn wir es gemeisam und offen angehen. Dann mal auf…

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P.S.: Alle hier verwendeten Bilder entstammen dem Twitterertreffen „Twoberhausen“ vom 26. März 2011 im Centro Oberhausen. Der Verfasser kniet übrigens im letzten Bild in der Mitte rechts. 😉

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