Ist das Leben scheisse?

Ich las eben Deinen Blogpost, Leon, mit dem schlichten Titel “Das Leben ist scheisse”. Knapp, hart und kompromisslos. So jedenfalls die Überschrift. Im Text führst du zwei Beispiele an: Das des kleinen Arbeiters/Angestellten, der ein Leben lang für wenig Kohle ackert. Und den studierten Schaffer, der vor lauter Maloche seine Kinder nicht sieht und mit dem dem verdienten Geld seiner Familie ein sorgenfreies (?) Leben bereitet, von dem er selber aber nichts mitkriegt.

“Das sind die Optionen” schreibst du (zumindest, wenn man Familie will) und ich muß lange überlegen, ob es stimmt, ob du recht hast, ob da wirklich nichts mehr ist sonst. Ich zähle ja eigentlich nicht, denn ich habe keine Familie und kann mir daher Freiheiten erlauben (sowohl zeitlich als auch finanziell), die Familienväter und -mütter nicht haben. Aber wie ist es in meinem Umfeld… da gibt’s doch genug Familien, was ist mit denen?

Ich tue mich schwer, überlege, suche und da… fällt mir eine Familie ein, die… ach ne, doch nicht. Ist es wirklich so schwer? Ich denke an die vielen Leute, die ich kenne, welchen Kontakt sie zu ihren Eltern haben, wie “sichtbar” diese Eltern für sie (und mich) sind oder ob diese auch zu den unsichtbaren Nach-14-Stunden-ins-Bett-Fallen-Eltern gehören.

Kurz bevor ich den Verstand verliere, finde ich sie dann doch, näher als ich dachte. An meinem Arbeitsplatz, wo mein Kollege 4 anstatt 5 Tage pro Woche arbeitet und jeden Freitag für seinen Sohn (und die vor kurzem geborene Tochter) da ist. Bei einem Treffen vor drei Wochen, wo ich einen Familienvater kennengelernt habe, der oft und begeistert von seinen Kindern erzählt und dem ich sofort abnehme, dass er seinen Kleinen ein toller Vater ist. Und bei einem sehr guten Freund aus Hamburg, der sich eine Auszeit genommen hat, um wieder vom Arbeitstrip (den er durchaus gehabt hat als Projektleiter) runterzukommen.

Vielleicht sind das ein paar Tropfen auf viel heiße Steine, aber sie machen mir Mut. Und zeigen mir, dass es geht, dass es funktionieren kann, dass es kein Gesetz gibt, welches einen verpflichtet, in einer der beiden von Dir genannten Gruppen zu verfallen. Aber es setzt voraus: Ein Bewusstsein, bewusst zu sein. Sich nicht der täglichen Dröhnung Arbeit oder RTL hinzugeben. Sondern wach zu bleiben, zu hinterfragen, zu zweifeln. Und zu lieben. Hier und Jetzt.

Medien und Konsumtempel wollen uns suggerieren, wie wir zu sein haben. Schaffen, Anschaffen, uns verhuren für den nächsten Luxus, der uns doch nur wieder Arbeits- und damit Lebenszeit kostet. Und wenn wir dann mal ausgepowert nach Hause kommen, halten sie auch gleich die Betäubungsspritzen in 16:9 bereit.

Ja, ich weiß, ich habe gut reden, bin ja selber den schönen Apfel-Dingen im Leben nicht abgeneigt. Aber darüber hinaus sind wohl die größten Ausgaben jene, die ich tätige, um Menschen zu sehen. Menschen, die mir wichtig sind. Ich sehe so gut wie nie fern, aber habe oft und viel Kontakt zu anderen Menschen, sei es in sozialen Netzwerken (woher wir uns ja schliesslich auch kennen) oder im realen Leben.

Ich bin davon überzeugt, dass dieser Weg durchaus reproduzierbar ist. Für jeden, der wach durch die Welt geht und die Oberhand behält über die Prioritäten, die er selbst setzen kann und will. Ein gewisser Konfuzius sagte wohl mal (meine Freund können das Zitat schon nicht mehr hören ;) ):

  • Gib mir die Gelassenheit, die Dinge zu ertragen, die ich nicht ändern kann.
  • Gib mir die Kraft, jene Dinge zu ändern, die ich tatsächlich ändern kann und
  • Gib mir die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Auch, wenn gerade der dritte Punkt manchmal schwerfällt und wenn es Momente gibt, wo ich Deinen Worten nur allzu gerne zustimme, ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass es doch immer wieder funktionieren kann.

Vielen Dank, Leon, für die Anregung durch Deinen Post. Der mir doch einmal mehr gezeigt hat, wie viele Menschen das “nah dran” schon überschritten haben und versunken sind, während wir uns jeden Tag wieder daran erinnern sollten, wie wir den Kopf über Wasser halten können. Irgendwann werden die Schwimmbewegungen automatisch und es macht vielleicht sogar Spaß.

Danke.


Korrektur: Das “Gelassenheitsgebet” stammt offensichtlich nicht von Konfuzius (wie ich immer dachte und gerne zitiert wird), sondern von Reinhold Niebuhr. Danke an @wunderfitzig für den Hinweis. :)


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2 Responses to “Ist das Leben scheisse?”

  1. Ich habe bis jetzt zwar noch nicht den Post von Leon gelesen, möchte aber trotzdem sofort auf deinen Text antworten.

    Meine Familie gehört wohl zu der 2. Gruppe. Mein Vater arbeitet in Frankfurt, kommt nur übers Wochenende nach Hause.

    Trotzdem muss ich sagen, dass ich glücklich bin. Dank FaceTime und Skype ist es anderst als vor 10 Jahren möglich, sich zu sehen, fast beieinander sein. Auch die Tatsache, dass es deutlich weniger Streit in unserer Familie gibt, sollte ich wohl nicht außen vor lassen. Das hört sich vielleicht an, als ob wir alle Streitpunkte einfach zur Seite schieben. Das ist es meiner Meinung nicht. Es ist eher eine “Wo-kein-Kläger-da-kein-Richter-Situation”. Und das klappt meines Empfinden nachs gut.

    Alles im Allem finde ich, dass nicht gleich das ganze Leben scheiße ist, nur weil man weg von seiner Familie ist (oder der Vater weg von seinen Kindern). Was zählt ist die Liebe und die Hoffnung, dass es besser werden kann.

    Der Spruch ist zufälligerweise auch der Lieblingsspruch meiner Mutter und ich bekomme ihn (leider) auch täglich auf die Nase gebunden. Und deshalb finde ich ihn auch so toll. Er passt in diese Situation einfach PERFEKT!

    Danke für den Post, er hat mich auch mal wieder zum Nachdenken gebracht.

    Tillynator

  2. Ich höre natürlich gerne, dass du glücklich bist und du einen Weg gefunden hast, mit dieser Situation gut klarzukommen, aber ich finde sich über Skype zu sehen ist keine echte Lösung, weil es dem Sehen in echt nicht mal nahe kommt und der Punkt, dass es weniger Streit gibt, ein guter ist, bezweifle ich auch. Wenn sich meine Eltern scheiden, gibt es auch weniger Streit, aber das ist nicht gut.

    Trotzdem freue ich mich, dass du trotzalledem glücklich bist. :)