Was ist besser, Optimismus oder Pessimismus?

Vermutlich haben die meisten von Euch darauf ein schnelle Antwort und vermutlich werden viele spontan “Optimismus” sagen, weil sie damit positive Gefühle verbinden, Freude, Lachen, Spaß am Leben. Dabei ist Optimismus nur eine weitere Höhe, aus der man fallen kann, sagen die Pessmisten. Weil sowieso alles den Bach runtergeht, jeder irgendwann stirbt, jede Beziehung eines Tages auseinanderbricht und jeder Schokoriegel einmal aufgegessen ist. Ist es also nicht viel praktischer, gleich mit dem Schlimmsten zu rechnen, damit man – wenn es soweit ist – nicht mehr überrascht und runtergezogen werden kann?

Es gibt ein ebenso passendes wie irreführendes Wort dafür: Zweckpessimismus. Man hört auf, an das Gute zu glauben und erwartet schonmal vorsorglich, bei nächster Gelegenheit auf die Schnauze zu fallen. Diese Einstellung ist aus zweierlei Gründen praktisch: Einmal, weil man, wie gesagt, nicht mehr überrascht werden, sondern stattdessen allseits verkünden kann, man habe es ja sowieso kommen sehen und andererseits, weil eine negative Erwartungshaltung die allerbeste Grundlage dafür legt, dass der “Fall” (im doppelten Wortsinn) auch tatsächlich eintritt.

Das Schöne am Zweckpessimismus ist, dass er sich nie täuscht. Sollte wider Erwarten doch mal etwas gut ausgehen, kann man diese freche Abweichung gleich als böse Täuschung des Schicksals abtun, die einen nur in falscher Sicherheit wiegen soll, um hinterher noch härter zu fallen. Mit diesem wunderbaren Trick wird selbst tatsächlich Gutes zum potenziell Schlechten und reiht sich ein in die Schlange selbsterfüllender Prophezeiungen, mit der das Leben sozusagen wie von selbst funktioniert und über die sich trefflich klagen läßt. Das bringt Aufmerksamkeit, eine Weile Mitleid (bis die Mitleidgeber ge-lang-weilt aufgeben) und jede Menge Selbstbestätigung.

Was dagegen hat der Optimist?

Auch er hat das “Recht” auf negative Erfahrungen, die ihn – wenn er nicht gerade unter Psychopharmaka oder anderen Weltverschönerungsdrogen steht – von Zeit zu Zeit heimsuchen werden. Er wird leiden, heulen, zweifeln und dabei vielleicht ein tieferes Tal durchschreiten, als der Pessimist. Aber er wird wieder aufstehen, den Dreck von der Kleidung wischen und sich fragen, was da eigentlich gerade passiert ist, was ihm warum widerfahren ist und wie er für’s nächste Mal daraus lernen kann. Mit dieser Erfahrung gewappnet kann er sich wieder den schönen Dingen widmen (deren Existenz von den Pessimisten gerne vehement bestritten wird), kann sich an kleinen Dingen erfreuen, einem Gefühl, einer Überraschung, einem Lächeln, einem Stück Schokolade, dem Duft von Pizza und Flieder oder der Pünktlichkeit von ICEs (die mitunter nicht nur von Pessimisten bezweifelt wird).

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So einfach und konsequent das Leiden für den Pessimisten funktioniert, wird für den Optimisten die Freude eine Selbstverständlichkeit, ein Auftrieb, der den Segelflug positiver Gedanken und Gefühle verlängert, wenn nicht sogar erst ermöglicht. Dabei ist es mit dem Optimistenflug wie mit jedem anderen Flug… er ist irgendwann einmal zu Ende. Für konstant gute Erfahrungen ist unsere Welt nicht gemacht, dazu gibt es einfach zu viele beeinflussende und herunterholende Faktoren. So erwischt es auch den besten, trainiertesten und durchhaltewollensten Optimisten einmal und es geht wieder abwärts. Wie heftig er landet, hängt davon ab, wie schnell er umschalten, die Situation erkennen und sich auf den Touchdown einstellen kann.

Genau hier zeigt sich die Kunst des (Über-)Lebens. Ein schmaler Grat öffnet sich, in dem Optimist und Pessimist sich treffen und im Realisten vereinigen. In der Person, die gelernt hat, zu fliegen, zu vertrauen, keine Angst zu haben vor Höhe, die aber auch erkennt, wenn die Aufwinde nachlassen, Strömungsabriss naht und es Zeit wird, wieder festen Boden unter den Füßen zu bekommen. Heil auf dem Boden angekommen, bleibt genug Zeit und Gelegenheit, das eben Erlebte Revue passieren zu lassen, sich nochmal daran zu erfreuen und zu wissen, dass man gewappnet und bereit ist für den nächsten Flug, Körper und Geist aber auch eine Pause brauchen und etwas Gutes nur dann Gut bleibt, wenn auch das Schlechte, Alltag, Pflicht, Auseinandersetzungen, ihren Platz bekommen und bewältigt werden.

Hätten wir an jedem Tag Wochenende, wären diese nichts Besonderes mehr, bewahren wir uns aber die gute Erinnerung an ein ebensolches und können uns auf das nächste vorfreuen, packen wir auch die Woche dazwischen mit Links. Das genau macht den Unterschied zwischen dem Pessimisten und dem Optimisten. Der Pessimist hangelt sich von einer schlechten Arbeitswoche zur nächsten und wird schon am Freitag abend mit Gram auf den nahenden nächsten Montag schauen. Der Optimist geht mit dem guten Gefühl des Erlebten in die Woche, teilt dieses mit anderen und kann sich schon unter der Woche auf das nächste Wochenende freuen, das mit jedem Tag näherrückt.

Vielleicht aber sind der Pessimist und der Optimist schon zu besagtem Realisten verschmolzen, der sich einfach jeder momentanen Situation stellt und das Beste daraus macht. Nicht mehr, und nicht weniger. Der weiß, dass er irgendwann sterben wird. Dass die Beziehung irgendwann in die Brüche geht. Dass irgendein Schokoriegel irgendwann gegessen sein wird. Den das aber nicht kümmert, weil irgendwann eben irgendwann ist und nicht jetzt. Der lieber einen tiefen Zug Leben in sich aufsaugt, für seinen Partner und seine Freunden da ist und der genau weiß, dass “Nach dem Schokoriegel vor dem Schokoriegel” ist.

Ein “schlauer” Mensch sagte einmal, “Ein Pessimist ist ein Optimist mit mehr Erfahrung”.

Das gilt auch umgekehrt. Wenn der Pessimist es zulässt.


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One Response to “Was ist besser, Optimismus oder Pessimismus?”

  1. @OrderOfTheStars Says:

    Toller Artikel – ich dachte an den Realisten bevor ichs dann auch las :D
    War witzig – ich setze auf Realismus der weder positiv noch negativ empfindet (Opti- und Pessimist) sondern so gut wie möglich für Alle da sein sich bemüht und glaubt dass “mehr geht” als man hofft oder fürchtet – einfach weil man’s sich selbst abzufordern lernt – oh, das macht sogar Spass – und zwar wenn man das Gefühl hat etwas Sinnvolles für oder mit Anderen geleistet zu haben :D