Über den Wolken – Flughöhe Null

Kennt ihr den Moment, wenn ihr dasitzt, nachdenkt und euch nichts sehnlicher wünscht, als die Antwort auf alle Fragen zu bekommen, die universelle Einsicht, die alles erklärt und Euch sagt, warum ihr und die Welt um Euch herum so ist, wie sie ist?

Das Leben beginnt, sich langsamer zu drehen, so langsam, bis es fast zum Stillstand kommt. Wenn ihr genau hinhört, bemerkt ihr das Bremsgeräusch, gefolgt von erwartungsvoller Stille. Ihr steht da, ein wenig ungläubig, und blickt auf den Boden des Daseins, befreit von all den Nebensächlichkeiten, vom täglichen Lärm der vielen Verführer, die uns für Geld jene Lücken füllen wollen, welche wir selbst erst definiert haben.

Es ist wie einen großen Schritt zurücktreten, wie die rote Pille, wie Abheben für einen Blick von oben auf das Tal der Tränen, in dem wir uns täglich Fragen stellen, deren unterbewusst erahnte Antwort wir eigentlich gar nicht wissen wollen. Diejenigen, die eben noch neben uns standen, werden zu Figuren in einem Spiel, das niemand erfunden hat, dessen Regeln wir nicht genau kennen, das uns in seiner Erbarmungslosigkeit aber mitunter den Atem raubt und den Blick in dichte Wolken hüllt.

In diesem Moment jedoch lassen sie nach, die Schmerzen, die Fragen, die Ungewissheiten, ziehen sich zurück in ihre Höhle wie eine Moräne in ihr Loch, wachsam, aber wartend. Das ist die Gelegenheit, den Blick schweifen zu lassen, hinzuschauen, zu beobachten, zu staunen. Denken spielt in diesem Moment keine Rolle, es wäre nur erneute Verfärbung und Interpretationsversuch. Es ist ein Gefühl wie „Sowas machen die Menschen?“, eine leichte bis mittelschwere Form von Ungläubigkeit, die aber nicht wertet, sondern nur schaut. Nicht verurteilt, sondern aufsaugt, was bisher so trefflich verborgen lag unter all den Schichten täglichen Mitspielens, Leidens und Freuens.

Hat man diese Distanz erst mal geschafft, wird plötzlich alles leicht, weil egal. „Und dann würde, was uns groß und wichtig erscheint, plötzlich nichtig und klein“. Das Leben mutiert zu einem Tilt Shift-Video, in der unzählige kleine Männchen scheinbar planlos herumwuseln in einer farblich übersättigten Welt mit miniaturisierten Gebäuden, Straßen und Schicksalen.

Und was hat das mit unserem eigenen Leben zu tun? Mit unserer Suche nach Erkenntnis, Bestätigung und der Weltformel? Genau hier findet sie einen Ruhepol, eine Stätte der Entspannung, vielleicht sogar des Friedens und Ziels. Weil wir sie gerade hier und jetzt hinter uns gelassen haben, unsere Ängste, Hoffnungen, Verzweiflungen und Verdammungen. Weil wir nicht mehr werten müssen noch bewertet werden, weil wir Wesen und Sein als das betrachten können, was es ist. Eine kleine Welt, sie sich oben, unten, links und rechts sofort in Unschärfe verliert, sobald sie aus dem Fokus gerät, Die gleichzeitig überall ist und nirgends.

Es kehrt eine Leere ein, doch es ist keine Leere der Unruhe, Verzweiflung, keine Leere, die aufgefüllt werden muss, sondern eine, die sich gerade darin wohlfühlt, leer und klar zu sein, wie verlassene Bahnsteige an einem frischen Spätsommermorgen. Das macht auch diejenigen unwichtig, die uns sonst in unserer täglichen Suche nach Erfüllung so beständig beschwätzen, die Heilsbringer aus Fernsehen, Kirchen und Konsum.

Ich fühle mich wohl in dieser Leere auf der Zugfahrt von Mainz nach Osnabrück, in dem Gefühl, dass all die Menschen um mich herum wie ich nur kleine Bausteine einer Matrix sind, die im Ganzen keiner überblickt und nie überblickt hat (schon aus diesem Satz lässt sich mein Glaubensstatus ablesen). Ich kann sie vorbehaltlos lieben, ignorieren, hassen, verehren, nachahmen oder ich kann es auch einfach lassen und ihnen nichts mehr vor- hinterher- oder nachtragen. Das macht das Leben auf angenehme Art und Weise leichter, weil ich plötzlich nicht mehr abgelenkt bin durch die vielen kleinen Vorurteilchen und Mißgünstigkeiten, Schubladen und Unwohlfühleinheiten, die mich sonst beim Kontakt mit Menschen in diesem komischen realen Leben mitunter plagen. Nein, ich kann ihnen ins Gesicht schauen, lächeln, ihnen die Tür aufhalten und bin doch nur ein Beobachter ihrer mitunter unbeholfenen Versuche, in dem, was sie für Realität halten, klarzukommen.

Vielleicht, ja, wahrscheinlich, muss ich irgendwann wieder runter von dieser Wolke, wieder zurück in das irdische Leben, die Matrix, den Alltag, die üblichen verdächtigen Handlungen und Begehrlichkeiten. Ich werde wieder erschrecken, die Luft anhalten, lachen, fluchen, verurteilen, wollen, weigern. Doch für den Moment einer Zugfahrt, dieses Tages und womöglich ein paar weiterer Atemzüge mehr werde ich die Zeit auf der Wolke genießen.

Wenn es mich dann einst wieder sehnt, stehe ich halt früh morgens auf, stelle mich auf den Bahnsteig im Mainzer Hauptbahnhof, atme tief ein und lasse mich fallen.

(geschrieben auf der Zugfahrt von Mainz nach Osnabrück. Abfahrt Mainz 07:17 Uhr ;) )


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One Response to “Über den Wolken – Flughöhe Null”

  1. Wow, das ist wirklich ein sehr schön geschriebener Blogpost.
    Solche Momente gibt es leider nicht allzu oft und ich finde es gut wie du es geschafft hast ihn in diesem Text so gut festzuhalten.
    Außerdem fand ich die Matrix vergleiche gut. ;)
    Naja, danke fürs teilen.
    Tom :)