Bleib Du selbst… aber wer ist das?

Eben las ich folgenden Tweet:

Meine erste Reaktion war Zustimmung. Ja, Recht hat er, man sollte nicht einfach andere nachmachen, sondern “man selbst” sein und bleiben. Etwas, dass einem von vielen Seiten suggeriert wird: “Man selbst” sein, authentisch, natürlich, gerade heraus. Aber dann stockte ich… Gerade heute unterhielt ich mich mit einem Freund darüber, wie schnell mein Bild von mir und das meiner Mitmenschen auseinanderdriften kann. Wie aber kann ich dann noch sicher sein, was “Ich selbst” bedeutet, wer legt das fest? Ich? Meine unmittelbaren Mitmenschen? Die Mehrheit?

Nehmen wir mal an, ich sei ein Modeignorant. Ziehe gerade an, was mir passt, ohne mir viel Gedanken darüber zu machen, ob das “zusammenpasst” oder anderen gefällt. Doch es läuft nicht so gut in meinem Leben, ich bin unzufrieden, auch mit mir selbst. Dann, aus Neugier und dem Gefühl, ich müsste mal was ändern, fange ich an, zu experimentieren. Ich probiere andere Klamotten, einen anderen “Style”. Und es macht mir Spaß, ich fühle mich wohler, ich finde etwas, mit dem ich mich identifizieren kann, vielleicht ein frischer Wechsel, vielleicht etwas, von dem ich das Gefühl habe, dass es mehr mir selbst entspricht als das, was ich vorher getragen habe. Meine Freunde aber wundern sich, warum ich nicht mehr in meinen alten Klamotten rumlaufe, sondern plötzlich aussehe wie einer von denen, über die sie sonst immer gelästert haben. Sie fragen sich, was mit mir passiert ist, warum ich mich so verändert habe, warum ich ihnen so fremd geworden bin.

Aber bin ich das wirklich?

Während ich das Gefühl habe, dass ich eigentlich noch derselbe bin wie vorher (nur, dass ich jetzt etwas gefunden habe, in dem ich mich wohler fühle), stecken meine Freund mich in eine Schublade, machen ein Schild drauf und – Rumms – schieben mich in die Der-gehört-nicht-mehr-zu-uns-Ecke ab. Weil ich nicht mehr “Ich selbst” sei, weil ich andere kopiere, weil sie sich mit mir (genauer: meinem Aussehen) nicht mehr identifizieren können.

Das war zwar ein einfaches Beispiel, aber es zeigt bereits, wie “Ich selbst” nicht nur Wandelungen unterworfen, sondern aus verschiedenen Perspektiven auch ganz unterschiedlich definiert sein kann. Während ich im obigen Beispiel das Gefühl habe, die ganze Zeit ich selbst zu bleiben oder aufgrund höherer Zufriedenheit noch mehr ich selbst zu werden, sehen die anderen eine unangenehme und befremdliche Wandlung. Sie erlauben mir die Veränderung nicht, weil ich mich von dem entferne und das infrage stelle, das sie als Identität in der Gruppe definiert und angenommen haben. Du gehörst zu uns, weil du so und so bist. Aber das setzt auch voraus, das du so bleibst, sonst hast du hier nix mehr zu suchen.

Wer also hat recht? Ich, trotz der Wandlung, oder die Gruppe, weil sie auf Kontinuität und Verlässlichkeit besteht?

Nehmen wir ein anderes, krasseres Beispiel, nehmen wir einen Neonazi und strapazieren mal das Klischee ein wenig. Aufgewachsen in einer “strukturarmen” Gegend mit hoher Arbeitslosigkeit und wenig Geld, war er schon immer der Meinung, dass die wenigen Arbeitsplätze den Deutschen vorbehalten sein sollten und überhaupt “die Ausländer an allem schuld sind”. Meine Reaktion darauf: Au weia, so einfach machst du es Dir, das kann doch nicht sein, mach doch mal die Augen auf über die wirklichen Machtverhältnisse und Gründe für Deine Situation etc. Ich möchte ihn überzeugen, verändern, erleuchten… aber was tue ich damit wirklich?

Ich weiß, diese Sichtweise ist provokativ, aber wenn wir die Ausgangslage betrachten, ist der Neonazi in seinem Tun und Handeln vielleicht mehr “er selbst” als wenn ihn jemand plötzlich zu einem Alternativen oder einem Sozialisten machen wollte. Der Unterschied ist klar… während wir im ersten Beispiel noch von der Identität einer kleinen Gruppe sprachen, bekommt es nun plötzlich eine politische, eine übergeordnete Dimension. Doch trotz des Unterschiedes bleibt die Frage gleich, wer denn eigentlich definiert, was “Man selbst” ist. Ich denke  mal, dass die meisten den Homosexuellen ihr Schwul- oder Lesbischsein als Teil “ihrer selbst” zugestehen, bei Neonazis ist das Gegenteil der Fall. Beides ist aus meiner ganz persönlichen Sicht gut so, aber wenn es schon so schwer ist, “Ich selbst” im Sinne von Authentizität zu definieren und anzuerkennen, dann sollten wir mit Aussagen wie “Bleib du selbst” eher vorsichtig sein.

Es geht eben nicht darum, ein “Ich” in Stein zu meißeln und nie mehr zu ändern. Manchmal brauchen Menschen diese Änderung geradezu, manchmal ist sie politisch gesehen sinnvoll, manchmal ergibt sie sich einfach von selbst, weil Leute neue Dinge, neue Menschen kennenlernen, die sie faszinieren, sie fesseln und sie beschäftigen. Und es ist nicht zwangläufig ein Zeichen von Kopieren, wenn man sich aus diesen neuen Ideen und Einflüssen etwas heraussucht, das einem gefällt und zum Teil von sich selbst macht. Jedem steht frei, sich selbst zu “modellieren” und sogar zu widersprechen. Sollen doch die anderen den Knoten wieder aufdröseln, wenn sie das unbedingt wollen. Oder der Dynamik schlicht und einfach folgen, weil sie erkennen, dass sie widerum auch für sich neue Impluse bekommen können.

Klar, Menschen brauchen Vertrautheit, etwas, das sie kennen und zu dem sie zurückkehren und sich “daheim” fühlen können. Aber sie sollten sich und anderen nicht die Chance nehmen, sich weiterzuentwickeln. Ob man (zufällig oder absichtlich) dabei jemand anderen kopiert, ist nebensächlich, solange man mit Herz und Überzeugung dabei ist, niemandem schadet und weiterhin das lebt, was die ganze Dynamik zwischen uns überhaupt erst möglich macht: Offenheit und Toleranz.

Bleib Du selbst, aber habe keine Scheu davor, dich genau dabei jederzeit weiterzuentwicklen und immer wieder neu zu erfinden.

 

(Inspirationen neben dem Tweet: Der Film “Der Teufel trägt Prada”, den ich gestern sah, sowie die vor laaanger Zeit gelesenen Bücher “Stiller” und “Mein Name sei Gantenbein” von Max Frisch.)


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3 Responses to “Bleib Du selbst… aber wer ist das?”

  1. Wow!!! …mir fehlen die Worte! Danke für dein Statement!
    LG Petra

  2. Hallo Elmar.

    Toller Beitrag.
    Meine Gedanken:
    Sich selber treu bleiben kann man nur, wenn man niemals bereit ist, sich zu ändern, aus Lebensumständen zu lernen und was Neues auszuprobieren.
    Ich bin wohl gerade in meiner “Lebensmitte”, habe mich und meinen Style schon öfter gewechselt.
    Lebensansichten und Meinungen.
    (Im Moment bin ich auf dem Weg zu mehr Toleranz. Jeder hat das Recht zu sein wie und was er ist.
    Wir kleine blöden Menschen maßen uns ständig an, andere zu bewerten.
    Das ist, nach meiner Meinung, ein großer Fehler.)

    Aber trotz meiner ständigen Wandlungen, bleiben gewisse Dinge immer gleich in einem. Das ist wohl unser innerster Kern,unsere Seele?
    Und der sollte man treu bleiben.
    Sonst wird man krank.

    Das hat aber mit Moderichtungen, politischen Einstellungen etc. nichts zu tun.

    Das hat was mit der eigenen Einstellung zu seinem Innersten zu tun, mit Reflexion, mit Eigenliebe.

    Man sollte sich immer selber lieben, dann ist es egal, in welche Schublade einen das eigene Umfeld steckt!

    Liebe Grüße

  3. Hallo Sabine,

    vielen Dank für Deinen positiven Kommentar.

    Meintest du im ersten Satz Deiner Gedanken “Sich selber treu bleiben…” wirklich “niemals” oder nicht doch eher “immer”? Ich habe das zumindest mal so interpretiert. Und teile Deine Meinung vollkommen. Es ist auch nicht nur unsere innere Reflexion, sondern auch Anregungen, Sichtweisen oder Diskussionen von außen (wie die gerade stattfindende), die uns neue Perspektiven zeigen können, über uns selbst wie über andere.

    Es bleibt also spannend. :)

    Liebe Grüße
    Elmar