Glaubt’s oder glaubt’s nicht!

Warum wird immer wieder über Glauben, über die Bibel und ihre Inhalte diskutiert? Warum werden immer wieder Christen diffamiert? Warum machen viele Christen die Bibel zum Maß aller Dinge für Alle und wollen ihnen vorschreiben, wie sie zu leben haben? Warum denkt eigentlich jeder, er habe die einzig wahre Sicht der Dinge?

Seit gestern geht es ganz gut ab in meiner Timeline, es wird teilweise heftig diskutiert und geschimpft. Einige Leute haben mich dabei mit ihrem Verhalten sehr überrascht, positiv wie negativ. Vor allem aber fiel mir (wieder einmal) auf, wie schnell und gründlich die Beteiligten aneinander vorbeireden, weil sie in ganz verschiedenen Welten und Sichten leben, sich aber kaum oder keine Mühe machen, die des anderen zu verstehen und akzeptieren.

Es gibt für mich eine klare Trennung zwischen der Glaubens- und Meinungsfreiheit an sich und den Inhalten. Ich trete dafür ein, dass jeder frei sagen darf, was er denkt, muss aber trotzdem nicht mit den Inhalten übereinstimmen.  Mit “Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden” wird gerade die unbequeme Meinung meines Nachbarn zum Maßstab für meine eigene Toleranz. Nur – und das vergessen viele – gilt dies auch andersherum und genau da liegt der Hund begraben.

Christen wie Atheisten beanspruchen nicht selten Alleingültigkeit ihrer An- und Weltsichten. Während die einen sich auf Wissenschaft und gesunden Menschenverstand berufen und über „Glaube“ milde lächeln oder gar hart lästern, halten die anderen an vor langer Zeit geschriebenen Schriften und einem Sündenkonstrukt fest, mit dem sich Menschen auf der Suche nach Orientierung vortrefflich beruhigen, aber auch kontrollieren lassen. Das alles wäre nicht dramatisch, wenn sich beide Seiten nicht immer wieder das Leben schwer machen würden. Darum mal ein paar direkt Worte an beide Seiten (anschließend Steinigung):

 

Liebe Christen,

ich finde es toll (das sage ich ohne Ironie), dass Ihr etwas gefunden habt, an dem ihr Euer Leben ausrichten wollt, an das Ihr glaubt und das Euch Kraft und Sicherheit gibt, aber bitte kommt runter von dem Gedanken, dass Eure Gesetze, Eure Bibel für alle gilt und Euch das Recht gibt, über Menschen mit anderen Wert- und Lebensvorstellungen anhand dieser Bibel zu urteilen oder gar zu richten. Verschont mich (und andere Nicht-Gläubige) bitte mit der häufigen Überdosis an Überzeugungsversuchen, dann lasse ich euch in Ruhe mit meiner Wissenschaft.

Auch ich glaube an Gesetze und Ethik, sie fußen nur nicht auf einer alten Schrift, sondern auf einer “universellen Ethik”, wie sie vielen (nicht nur gläubigen) Menschen gemein ist. Auch ohne Gebote weiß ich, dass Töten Unrecht ist und der Satz “Was du nicht willst, dass man dir tu’, das füge keinem anderen zu” funktioniert auch ohne Theologie vortrefflich.

Und… nicht jeder “atheistische Kommentar” über einzelne Christen oder Aktionen ist ein Frontalschlag gegen das gesamte Christentum. So wie die tuntigen Regenbogenvögel eines CSD nicht stellvertretend sind für die Gesamtheit der Schwulen, ist der Jesus-Tanz im Bibel TV auch nicht stellvertretend für alle Christen. Wenn man sich also über Tunten oder Tanz amüsiert, ist das noch kein Erdrutsch, geschweige denn ein Generalangriff auf alle. Und sich selbst in die Opferrolle zu manövrieren bringt niemanden (weder Schwule noch Christen) weiter.

 

Liebe Atheisten,

als “Einer von Euch” kann ich verstehen, wenn ihr sauer seid über diverse Aktionen und Ansichten streng religiös denkender Menschen. Lese ich Äußerungen wie die des Papstes über die Homo-Ehe, gehe ich an die Decke. Denoch erwarte ich von Euch und mir eine klare Differenzierung. Wenn wir Toleranz und Akzeptanz von anderen erwarten, müssen wir sie auch selbst anderen zukommen lassen. Viele Angriffe und Formulierungen sind nur noch pauschal verletzend und schießen weit über das Ziel hinaus. Wir treffen damit nicht nur jene, gegen deren Einfluss und Schaden wir uns wehren wollen (und sollten), sondern auch all jene Gläubigen, die einfach nur ihren Glauben leben, ohne dabei anderen Menschen zu schaden. Und diese verdienen unseren Respekt wieder jeder andere auch. Ganz davon abgesehen machen wir uns einfach nur unglaubwürdig.

Äußerungen wie “Wie kann man nur an so ein Scheiß glauben” oder “Drauf geschissen, was in der Bibel steht” sind unterstes Niveau und fallen vor allem auf denjenigen zurück, der sie von sich gegeben hat. Wenn Euch Bibel, Glaube, Gebete und Gebote abstrus erscheinen, was soll’s? Solange (und darin liegt der Kern) sie niemandem anderen schaden, dürfen wir Glauben genauso wenig verurteilen wie andere unseren Nicht-Glauben, selbst, wenn wir ihn weder verstehen noch nachvollziehen können. Erst da, wo es “gefährlich” wird, ist Gegenwehr angesagt, aber auch dann mit der oben beschriebenen Differenzierung.

Ich habe Christen kennengelernt, die toleranter sind als so mancher Atheist und eine kleinstädtische evangelische Kirchengemeinde, die einen offen schwul lebenden jungen Mann zum Pastor ihrer Gemeinde gewählt hat, wonach dieser dann mitsamt Lebenspartner ins Pfarrhaus einzog.

 

Fazit:

Wenn jemand meine Lebensweise bedroht oder so fundamental in Frage stellt, dass daraus für mich Nachteile erwachsen können, wehre ich mich. Die Gefahr, dabei über’s Ziel hinauszuschießen und zu pauschalisieren, ist groß, trotzdem muss ich genau das vermeiden, wenn ich es von anderen erwarte. Ich bin der Meinung, dass Gläubige und Atheisten sehr wohl nebeneinander und miteinander existieren können, wenn beide Seiten es lernen, die “andere Seite” so zu akzeptieren, wie sie ist, ohne sie beeinflussen zu wollen oder ihr zu schaden. In der Praxis gibt es auf beiden Seiten leider noch viele, die das nicht sehen, sondern einseitig draufhauen und selbst mir passiert das hin und wieder. Wenn wir aber wachen Auges sind und auch mal einen “ersten Schritt” tun, kann es letzten Endes für alle nur besser werden.

Es braucht immer einen ersten Schritt. Von jedem.

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