Von der Selbstzerfleischung

“Nazi”.

Kaum ein anderes Wort polarisiert so sehr wie dieses. Es löst eine unmittelbare Reihe von Assoziationen aus (Faschismus, Holocaust, Genozid, Gewalttätigkeit, Rassismus, Repression, Verfolgung…) und ist sehr oft gefolgt von einem “Bist du nicht für uns, so bist du gegen uns”. Sprich: Bist Du nicht sowieso schon dem braunen, rechten Gedankengut verfallen und damit unerreichbar für Fakten, Argumente und Ethik geworden, tust du gut daran, dich mit allen Kräften und Gelegenheiten von ebenjenem zu distanzieren. Sonst wird man dich sofort mit in die Schublade der Mitläufer, Befürworter, Sympathisanten, Rechtsextremen stecken, welche als gesichtslose Feindbilder inzwischen mannigfaltigste Funktionen auf unserer politischen und gesellschaftlichen Bühne angenommen haben. Das funktioniert nicht nur mit rechtem Dreck, sondern auch mit anderem bösen Gedankengut wie Diskriminierung, Sexismus oder Rassismus. Die Übergänge sind fließend.

Besonders hervor tun sich vor allem jene Gruppierungen, welche besonders gerne diskutieren, revolutionieren, (schein-)tolerieren und der Gesellschaft einen neuen Kick verpassen wollen. Orange, Grün und Lila sind sich einig: Böses Gedankengut gehört verbannt, vor allem und zu allererst aus den eigenen Reihen. So etwas dulden wir nicht.

Schnell gipfelt dieser an sich hehre Ansatz in politisch korrekter Selbstzerfleischung, bei der eine Seite die sofortige (politische) Eliminierung der Abtrünnigen verlangt, während an anderer Stelle weiterhin Worte wie “Redefreiheit”, “Demokratie” und “Vielfalt” hochgehalten werden. Aber nicht nur das Gedankenböse selbst wird verurteilt, sondern auch jene, die es wagen, darin eine Überreaktion oder gar etwas Verwerfliches zu sehen. Immerhin ist das nichts Neues, sondern ein alter Hut: Wer den Umgang mit dem oder den mutmaßlich Bösen kritisiert, ist nicht besser als das Böse selbst. Das funktionierte ja schon bei McCarthy und den 68ern perfekt.

Es wäre ja fast unterhaltsam, wenn es a) nicht immer nach dem gleichen Schema ablaufen würde, b) größtenteils einfach nur Energieverschwendung wäre und c) ich nicht den Eindruck hätte, dass hier oftmals nur einer inhaltlich identischen Attacke durch den politischen Gegner zuvorgekommen werden soll.

Die Anfänge sind klein, fast unauffällig, aber beinhalten schon alle Mechanismen politisch korrekter Diffamierungen und Haarspaltereien. Man denke an die Veganer-Diskussionen mancher Volksküchen, eigentlich sinnvolle Einrichtungen, welche sich aber immer mal wieder am FleischMilchEi-Thema reiben. Oder der tausendsten Diskussion, ob eine Frauenquote nun mehr Gleichberechtigung oder schlechter qualifizierte PostInnen mit sich bringt. Oder beides.

Nutznießer der Selbstzerfleischungen auf allen Ebenen ist oft genug nicht die Sache selbst, sondern das, was eigentlich bekämpft werden soll. Mit Maulkorb, totbrüllen und einfach nur Ignorieren wird das Böse ja nicht beseitigt, es wird nur aus der täglichen Sicht, der Parteimitgliederliste oder dem Denken verbannt. Eine wahre Auseinandersetzung findet nicht mehr statt, dafür hat die Schein-Auseinandersetzung schon gesorgt.

Nehmen wir mal Serdar Somuncu, der 1482 mal vor unterschiedlichstem Publikum “Mein Kampf” las. Er wurde dafür kritisiert und angefeindet, interessanterweise von beiden Seiten, Rechten wie Anti-Rechten. Während die Glatzen ihm Verunglimpfung und türkische Abstammung vorwarfen, konterte die Linke mit ausgesprochen fundamentalen Argumenten wie “Es gibt Sachen, die darf man nicht machen” (Heide Simonis). Dass viele mit diesen Lesungen überhaupt erstmal einen unmittelbaren wie erschreckenden Einblick in die Abgründe hitlerschen Denkens bekamen (was sterilisierte Lehrpläne kaum schafften) und es ganz nebenbei eine wunderbare Gelegenheit war, Glatzen vorzuführen (anstatt ihnen wie unterstellt eine Bühne für ihre Propaganda zu liefern), wurde von der gleichgeschalteten Political Correctness Liga quer durch (fast) alle Parteien ignoriert.

Damit ich nicht falsch verstanden werde (was zwangsläufig doch passieren wird, weil viele Leser so programmiert sind): Ich unterstütze in absolut keinster Weise rechtes Gedankengut, Diskriminierung und Rassismus. Aber dass selbst kleine und kleinste “Verfehlungen” (ob echt oder von Masterparanoikern als solche definiert) dazu instrumentalisiert werden, Politik zu machen, Feinde zu destabilisieren oder eigene Reihen einer Säuberung zu unterziehen, ist beängstigend, falsch und eine Energieverschwendung sondersgleichen. Das Resultat sind Parteien und Vereinigungen, die sich bereits reflexartig einer konstanten Eigenprüfung unterziehen und sofort alles eliminieren und tottrampeln, was in irgendeiner Weise anecken könnte, bevor der Gegner es tut.

Somuncu hetzt. Gegen “Nazis, Juden, Neger, Kinder, Türken, Deutsche, Schwule”… eigentlich gegen ziemlich alles. Und trotzdem ist seine Aussage, sein politisches Fazit klar (wenn man bereit ist, hinzuhören). Wir werden keine besseren Menschen, wenn wir die dunkle Seite in uns einfach ignorieren, totschweigen oder gar veruteilen, unterdrücken, auszulöschen versuchen. Erst, wenn wir uns ihr stellen, sie akzeptieren, als Teil von uns begreifen und uns über die Wirkung auf andere klarwerden, lernen wir dazu, sie zu bewerten, damit umzugehen.

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