Der #nofilter-Mythos

Immer wieder sieht man bei Fotos auf Twitter oder Instagram den Hashtag #nofilter. Im Zeitalter raffinierter und automatisierter Nachbearbeitungen soll dieses Attribut Unverfälschtheit suggerieren, Echtheit sowie eine Abkehr vom weit verbreiteten Trend, aus belanglosen Fotos mittels diverser Manipulationen “atemberaubende” Hingucker zu produzieren.

Aber was ist dran am #nofilter-Mythos?

Zuallererst… wer heutzutage mit Smartphone oder Kompaktkamera Fotos im JPG-Format macht, bekommt von vornherein manipulierte Fotos geliefert. Weißabgleich, Nachschärfung und Tonwertkorrekturen finden automatisch noch vor dem Abspeichern statt. Wer die Daten so will, wie sie direkt aus dem Sensor kommen, ist auf das RAW-Format angewiesen, das die meisten DSLR- und viele Kompaktkameras anbieten. Auf einem Smartphone sucht man danach in der Regel jedoch vergebens. So gesehen sind selbst #nofilter-Fotos alles andere als ungefiltert.

Aber selbst, wenn man von den gelieferten JPGs als “neutraler” Basis ausgeht, ist #nofilter noch lange kein Qualitätsskriterium. Selbst, wenn jeder Fotografierende versuchen sollte, schon bei der Aufnahme auf perfekten Ausschnitt, Belichtung, Farbgestaltung, Bildaufbau zu achten, stößt man doch schnell an technische Grenzen des Equipments. Anders gesagt, ein Smartphone oder eine Kompaktkamera sind nunmal keine Großformatkamera mit hochempfindlichem Sensor oder Film.

Schließlich stellt sich auch die Frage, welche (Meta-)Information mit einem Foto transportiert werden soll. Geht es darum, eine Situation zu dokumentieren, ein Gefühl zu wecken, eine Stimmung einzufangen? Oder geht es um technische Perfektion, Minimalismus und “Seht her, wie toll ich bin”?

Wer mit #nofilter zeigen will, welche guter “Fotograf” er oder sie ist, fällt schnell auf die JPG-Falle (s.o.) herein. Wer einem Bio-ähnlichen Trend hinterherrennt, beraubt sich der Möglichkeit, Darstellung und Aussage zu intensivieren und bleibt auf halber Strecke stehen. Leider sieht man vielen #nofilter-Fotos auch genau das an. Sie sind nicht mehr als verhipsterte Andeutungen ungenutzter Möglichkeiten.

Als Protest gegen möchtegerntolle Fotos, die nix anderes sind als filtertechnisch polierter Schrott, geht der Hashtag noch durch, solange das Foto selbst tatsächlich überzeugt. Damit hat sich’s dann aber auch schon. Ein Qualitätskriterium ist #nofilter aus meiner Sicht nicht, vielmehr ist es die Kombination aus Idee, perfekter Vorbereitung, Ausführung und Nachbearbeitung, die ein gutes Foto ausmachen. #nofilter kann hier allemal nur einen sehr kleinen Teil von “Qualitäts-Management” abdecken.

In der Praxis dagagen wird der Hashtag leider zu oft für Hipster- und Biozwecke missbraucht.

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